LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Forschen in der Krise

Zwischen Forschungsdrang und Fingerspitzengefühl

Die Beobachtung regionaler Alltagskulturen ist für Volkskundler*innen im ILR ein Kerngeschäft. Man könnte auch sagen, die Analyse des Alltags in all seinen Spielarten prägt unseren Arbeitsalltag. Da uns alltägliche Phänomene ständig umgeben, können wir unseren beobachtenden Blick nicht so einfach abschalten. Kein Wunder also, dass wir im Kolleg*innenkreis derzeit sehr aufmerksam und mit fachlichen Interesse auf die Veränderungen blicken, die mit der Corona-Pandemie einhergehen und die erheblichen Einfluss auf alltägliche Gewohnheiten und Strukturen haben. Der forschende Blick ist aber zugleich ein selbstkritischer, zuweilen verschämter Blick. Denn es stellt sich die Frage: Inwieweit darf ich eine Situation spannend finden, die für viele Menschen bedrückend und beängstigend ist, für einige sogar mit drastischen gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Konsequenzen einhergeht oder zur existenziellen Bedrohung wird?

Mitarbeitende des Ordnungsamtes in gelben Westen sperren eine Straße mit blühenden Kirschbäumen Alltag auf Abstand. Spaziergänger zur Bonner Kirschblüte werden vom Ordnungsamt aufgehalten Statue mit Mundschutz in einem Vorgarten Forschen aus der Distanz

Diesen Zwiespalt zwischen Forschung und empathischer Zurückhaltung erleben viele Kolleg*innen derzeit und reflektieren darüber. Neben den rein fachlichen Fragen beschäftigen uns im weitesten Sinne auch forschungsethische Überlegungen. Wir hoffen, die Waage zwischen Forschungsdrang und Fingerspitzengefühl zu finden und die Ergebnisse unserer Beobachtungen mit der nötigen Sensibilität zu vermitteln. Die Texte in dieser Rubrik sollen allen Interessierten neue Perspektiven auf den derzeitigen Alltag eröffnen und dabei unterstützen, die aktuellen Entwicklungen einzuordnen. Vielleicht bieten wir unseren Leser*innen damit nicht nur Erkenntnisse, sondern auch etwas Zerstreuung inmitten aller berechtigten Informationen, die sich um Infektionszahlen, Daten, Diagramme drehen und die auch wir Tag für Tag verfolgen. Darüber hinaus scheint es derzeit einen breiten gesellschaftlichen Bedarf zu geben, sich über persönlich erlebte Veränderungen im Alltag auszutauschen. Wir bemerken das an der Kommunikation im Kolleg*innenkreis, im privaten Bereich oder durch Zuschriften von Menschen aus der Region, die uns Einblicke in ihren „Krisenalltag“ geben.

Das Interesse am Alltag der Anderen

Was steckt hinter diesem vermehrten Interesse, etwas über den eigenen Alltag mitzuteilen? Oder umgekehrt mehr darüber zu erfahren, wie andere sich mit den Beschränkungen arrangieren und ihr tägliches Leben neu ordnen? Mag sein, dass zuweilen Neugier mitschwingt oder Betroffene Anregungen suchen, wie beispielsweise Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen sind oder wie sich die Bevorratung in der Speisekammer organisieren lässt. Das Interesse am Alltag der Anderen scheint aber vor allem eine Bewältigungsstrategie zu sein. Durch diese lebensweltlichen Einblicke wird erfahrbar: Wir sitzen in einem Boot, wir müssen uns alle neu orientieren. Das verbindet und stiftet Gemeinschaft. Es ist tröstlich zu hören, dass es anderen ähnlich geht und die Krise eine kollektive Erfahrung ist. Dieses Wir-Gefühl kann durchaus dabei helfen, mit der eigenen Situation besser klar zu kommen. Reportagen oder Videoblogs, in denen Menschen über ihre veränderten Gewohnheiten erzählen, tauchen derzeit verstärkt in der Medienlandschaft auf. Auch das ist als Indiz für einen großen Bedarf an solchen Themen zu werten. Wir im ILR möchten aus unserer jeweiligen Fachperspektive Hintergrundinformationen zu solchen alltäglichen Geschichten und Beobachtungen in der Region liefern. Uns geht es darum, Funktionsweisen und Wandlungsprozesse im Alltag aufzeigen. Als Institut, dessen Auftrag es ist, Alltagkulturen im Rheinland zu erforschen, zu dokumentieren und zu vermitteln, wäre es auch höchst seltsam, wenn wir uns den gegenwärtigen Entwicklungen nicht widmen und den Menschen in der Region keine Erklärungsansätze und Informationen bieten würden. Es wäre eine Chance vertan, wenn wir die Gelegenheit zu forschen nicht aktuell, sondern erst in der Rückschau wahrnähmen.

Graffiti vor einem Schiffsanleger: You can only stay at home when you have a home Die Corona-Pandemie betrifft alle. Aber in unterschiedlichem Ausmaß.

Sonst: Nah am Menschen. Jetzt: Forschen auf Distanz

Aber hier ergibt sich ein weiteres Dilemma: Die Volkskunde/Kulturanthropologie ist eine Disziplin, die „nah am Menschen“ forscht. Zu unseren Kernaufgaben gehört auch, dass wir mit Akteur*innen in der Region unmittelbar ins Gespräch darüber kommen, wie sie ihren Alltag erleben, gestalten und deuten. Wir schöpfen dabei aus verschiedenen Methoden der empirischen Sozialwissenschaft. Wir führen Interviews, Befragungen, teilnehmende Beobachtungen oder Feldforschungen durch. Natürlich nutzen wir auch andere Methoden und Quellen, aber unsere Arbeit führt uns immer wieder mitten ins Geschehen, mitten in den Alltag und zu den Menschen. Dieser unmittelbare Kontakt ist derzeit leider nicht mehr gegeben. Die Kontaktbeschränkungen bremsen Projekte aus, die sich gerade in einer zentralen Phase der Datenerhebung befunden haben, in denen intensive Face-to-Face-Interviews mit Menschen in der Region stattfanden. Zum Beispiel im Projekt „Dazwischen oder längst schon mittendrin?“, einem Forschungs- und Ausstellungsprojekt mit geflüchteten Jugendlichen in Kooperation mit der Bonner Organisation „AsA – Ausbildung statt Abschiebung e.V.“

Die Zäsur, die dieses Projekt erfährt, ist umso bedauerlicher, weil sich vor dem Shutdown Vertrauen zu den beteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufgebaut hatte und ich als Forscherin Einblicke in ihre Lebenswelten bekam. Diese Einblicke geben wiederum Anlass, die eigene Betroffenheit, das Bedauern über ein unterbrochenes Projekt zu relativieren. Als Volkskundlerin im ILR wird mir die Möglichkeit gegeben, meine Arbeit ins Homeoffice zu verlegen. Ich kann neue Prioritäten setzen, muss mich etwas umorganisieren, tausche mich nun per Mail oder Videokonferenz mit Kolleg*innen aus – aber alles in allem: So etwas wie ein geregelter Arbeitsalltag läuft weiter. Die von AsA betreuten Jugendlichen sind durch die Kontaktbeschränkungen gravierender betroffen. Zwar bietet AsA weiterhin Beratungen an, aber durch die die temporäre Schließung der Institution bricht eine wichtige Anlaufstelle für den persönlichen Austausch weg. Kontakt- und Freizeitmöglichkeiten, wie das gemeinsame Kochen und Essen am Montag fallen erst mal aus. Die individuelle Nachhilfe mit Ehrenamtlichen findet nur eingeschränkt statt, wird zum Teil durch Unterricht per Mail ersetzt. Viele Gelegenheiten, Freunde in den Räumlichkeiten von AsA zu treffen, sind nun nicht mehr gegeben. „AsA ist Familie“, erzählte mir einer der jungen Erwachsenen im Interview. Diese Familie kann er jetzt nicht mehr ohne Weiteres treffen. Für junge Menschen, die gerade dabei sind, in einer Gesellschaft Fuß zu fassen und teilweise mit einem ungeklärten Aufenthaltsstatus zurechtkommen müssen, bringt das zusätzliche Unwägbarkeiten.

Plakat mit Fotos von kochenden Menschen und der Aufschrift: Der Mittagstisch. Kochen und Essen. Gemeinschaftserlebnisse sind vorrübergehend eingeschränkt. Zum Beispiel das gemeinsame Kochen bei AsA Verkleidete Personen stehen um eine Transparent darauf steht: Vielfalt ohne Grenzen, janz Godesberg sull glänze Für gewöhnlich forscht das ILR nah an den Menschen. Wir hier im Karneval mit AsA. Verschiedenfarbiger Mundschutz in der Schaufensterauslage eines Bekleidungsgeschäfts. Davor ein Schild: Nasenlätzchen 10 Euro Werden wir Interviews demnächst mit Mundschutz führen?

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Ein 20-Jähriger Projektbeteiligter, der vor fünf Jahren aus Pakistan nach Bonn gekommen ist, schreibt mir eine Whatsapp-Nachricht: Er hat sein Ausbildungszeugnis als Altenpflegehelfer erhalten und ist sehr glücklich darüber. Bei unserem Interview vor ein paar Wochen hatte er die praktische Prüfung gerade hinter sich und ich freue mich nun mit ihm. Er hat einen weiteren Schritt in seine Zukunft geschafft. Ausgiebig feiern konnte er das nicht. Ich hoffe, er kann es bald nachholen und mir im persönlichen Gespräch mehr darüber erzählen.