LVR-Institut für Landeskunde
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Was wir vermissen

#waswirvermissen: Das Büro

Büroaum mit zwei Schreibtischen, an denen sich zwei Frauen gegenüber sitzen. Sie unterhalten sich und lächeln dabei. Auf den Tischen sind diverse Unterlagen, Bücher und Schreibutensilien zu sehen. Was wir vermissen: Den direkten Austausch mit Kolleg*innen. So wie hier in der Museumspädagogik des LVR Landesmuseums Bonn, als es noch kein Corona gab. Foto: Nicole Schäfer / LVR-ZMB

Die durstige Büropflanze hat zwischendurch von einem Kollegen Wasser bekommen, auf der Tastatur hat sich Staub abgesetzt und das Kalenderblatt ist schon länger nicht umgeblättert worden. Kommt Ihnen diese Szene bekannt vor? Dann gehören Sie höchstwahrscheinlich zu denen, die nur ab und zu in ihrem regulären Büro sind und ansonsten von zu Hause arbeiten. Homeoffice ist und bleibt Thema und Teil der Arbeitsrealität 2020. Und wohl auch darüber hinaus.

Halb geöffnete Tür zu einem Büro, der Blick fällt auf einen Bürostuhl über dem einen Jacke liegt und eine Konzertplakat der Band Faith no more.

Nachdem das Homeoffice in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, ist es höchste Zeit, mal wieder ein paar Bürotüren zu öffnen. Hier geht's zur Fotogalerie. mehr

Auch wenn nach Abflachen der ersten Infektionswelle im Frühjahr viele Arbeitgeber Sonderregelungen aufgehoben haben, eine flächendeckende Rückkehr zu einem Büroalltag wie vor der Corona-Pandemie ist nicht in Sicht. Manches große Unternehmen hat schon angekündigt, auch nach der Krise an der Homeoffice-Lösung festzuhalten. Viele andere ermöglichen derzeit ein sogenanntes „Splitting“, um die Anzahl der Kontakte unter den Mitarbeitenden zu beschränken und das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Im Wechsel und rotierend arbeitet dann ein Teil des Teams von zu Hause, ein anderer vor Ort. Angesichts wieder steigender Infektionszahlen eine wichtige Maßnahme. Aber auch in Zukunft könnte so ein Modell flexibles Arbeiten ermöglichen. Derzeit jedenfalls wechseln laut einer Studie zirka 23 % der Deutschen zwischen Büro und Heimbüro.

Es liegt auf der Hand, dass bei vielen Menschen der Arbeitsplatz im Wohnumfeld ganz anders aussieht als der in einem Bürogebäude. Schon allein, weil nicht jeder zu Hause eine professionelle Ausstattung hat, geschweige denn einen abgetrennten Raum. Statt ergonomischen Bürostuhl muss ein Sofa herhalten, statt Schreibtisch der Couchtisch, die Küchentheke oder der Esstisch. Dann heißt es, die vorhandenen Räumlichkeiten multifunktional zu nutzen und zu improvisieren. Am besten so, dass Physiotherapeut*innen und Orthopäd*innen nicht Alarm schlagen.

Ein Kennzeichen von Homeoffice, mobile working oder mobilem Arbeiten ist, dass sich die eindeutige Trennung zwischen „beruflich“ und „privat“ auflöst – ohnehin ein Trend postmoderner Arbeitswelten. Wer jetzt denkt, im regulären Büroumfeld zeigt sich ausschließlich die sachlich-nüchterne Seite all derjenigen, die dort arbeiten, liegt übrigens falsch. Beispiele gefällig? Unsere Fotogalerie zeigt, was die Dinge, die sich in Büros entdecken lassen, über die Menschen verraten, die dort arbeiten.

#waswirvermissen: Jahrmärkte wie Pützchens Markt

Jahrmarktherz mit Zuckerschrift: Gruß vom Pützchens Markt Jahrmarktherz mit süßen Grüßen. Foto: Gabriele Dafft / LVR Riesenrad und Boxbude auf einem Jahrmarkt Boxbude auf Pützchens Markt, 1978. Foto: Gabriel Simons / LVR

„Pützchen Markt is anjesaat“ lautet eine Textzeile im populären Song „Achterbahn“ der Bläck Fööss. Doch der überregional bekannte Bonner Jahrmarkt ist dieses Jahr leider: abgesagt! Wegen der Corona-Pandemie müssen die rund eine Million Besucher*innen, die sonst ab dem zweiten Wochenende im September nach Bonn-Beuel kommen, in diesem Jahr auf viele lieb gewordene Traditionen und Gewohnheiten verzichten. „Es fällt uns schon schwer“, sagt eine Anwohnerin, die direkt am Marktgelände wohnt und deren Familie bereits in der vierten Generation eine Hauswirtschaft betreibt – ein Bierzelt unmittelbar vor dem Wohnhaus. Immerhin halten sie an einem kleinen Familienritual fest: Der Sauerbraten, den es sonst immer am Kirmesmontag gibt, ist schon beim Metzger bestellt. Diesmal wird man sich zum Essen treffen, ohne dass die Kirmes vor der Haustür tobt.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass eine Infektionskrankheit Pützchens Markt einen Strich durch die Rechnung macht. Im Jahr 1892 wurde Pützchens Markt abgesagt, weil sich die Cholera von Hamburg bis ins Rheinland ausbreitete. Um die Bevölkerung zu schützen, sah man auch damals schon den Schutzeffekt in der Vermeidung von Menschenmassen auf Großereignissen. Geschichte wiederholt sich eben manchmal. Mehr Informationen zu Jahrmärkten in Zeiten von Corona und vier Filmdokumentationen unseres LVR-Instituts über Pützchens Markt gibt's hier. Aufnahmen aus den 1970er Jahren zeigen Attraktionen, die es heute nicht mehr gibt, zum Beispiel die "Boxbude"

Wer direkt in die Kirmesatmosphäre eintauchen möchte, kann sich unsere Filmdokumentation „Auszeit in Pützchen. Der Jahrmarkt vor der Haustür“ (2017) anschauen.

#waswirvermissen: Das entspannte Urlaubsgefühl

Die Seite eines Fotoalbums zeigt Bilder einer Familie am Strand Strandurlaub 1950, ©Berger/LVR-ILR

Seit kurzer Zeit sind die Grenzen wieder offen, passend zum Ferienbeginn sind auch Urlaubsreisen möglich. Viele Menschen planen gerade Ferien, haben Flüge, Hotels oder Campingplätze gebucht, ob in den Ferienregionen Deutschlands, auf Mallorca oder Italien. Bei vielen bleibt aber ein ungutes Gefühl: Wie entspannt wird mein Urlaub, mit Mund-Nase-Schutz, Abstand und dem Desinfektionsmittel in der Tasche? Wird das gutgehen oder riskiere ich eine Ansteckung? Wie sollen die Sicherheitsmaßnahmen funktionieren, wenn doch mehr Menschen am Strand sind oder im Hotel oder im Flugzeug?

Die Fragen zeigen, was wir vermissen werden im Sommer 2020: die Entspanntheit, mit der wir uns früher im Urlaub bewegt haben. Die Neugier auf neue Eindrücke, andere Länder und Menschen. Die Spontanität im Urlaub: Na, was machen wir heute?

All das, was zum besonderen Urlaubsgefühl dazugehört, im erholsamen Ausstieg aus dem Alltag. Denn ein Stück des Krisenalltags werden wir mitnehmen, egal wohin: Maske und Unsicherheit.

#waswirvermissen: Pfingsten zum Festival

Festivalgelände mit Bühne 2011 beim OpenOhr-Festival in Mainz, Fotografin: Andrea Graf, ©LVR

Ob "Rock am Ring", das Pfingst-Open-Air in Essen-Werden, das Jazzfestival in Moers oder Rheinklang 669 in Wesseling - das lange Pfingstwochenende lockt Fans unterschiedlichster Musikgenres zu zahlreichen Festivals und Open-Air-Konzerten. In diesem Jahr ist alles anders: das Verbot von Großveranstaltungen trifft natürlich auch die Musikfestivals. Und so fahren wir nicht mit Zelt, Isomatte und Getränkevorrat an den Nürburgring oder zu einem der anderen Festivals, sondern können ausgewählte Konzerte online sehen und hören. Was wir vermissen werden, ist das Festivalgefühl unter tausenden Fans – nicht vermissen werden wir den in der Vergangenheit häufigen Pfingstregen, der für durchnässte und verschlammte Schlafsäcke sorgte.

#waswirnichtvermissenmüssen: Maibäume 2020

Seit letzter Woche dachte ich über einen weiteren Beitrag unserer Rubrik „was wir vermissen“ nach. Denn Ende April beginnen normalerweise die Vorbereitungen zum 1. Mai, zu denen im Rheinland auch das Aufhübschen von Birken mit buntem Krepppapier und roten Herzen gehört. In der Nacht zum 1. Mai werden von jungen Männern diese Birken als Maibäume vor die Häuser ihrer Liebsten gestellt. Weil das Ganze auch ein großer Spaß ist, begegneten mir in den letzten Jahren am 30. April regelmäßig Gruppen gut gelaunter junger Männer mit diesen Bäumen, einer oder mehrerer Bierkisten und Werkzeug, zwischen spätem Nachmittag und den frühen Morgenstunden unterwegs zum Maibaumsetzen. Diese Gruppenveranstaltungen gehen in diesem Jahr wohl nicht, aber ein meist doch mehr als 10 Meter hoher Maibaum lässt sich nur schlecht im Alleingang aufstellen. Dazu ist 2020 ein Schaltjahr: in Schaltjahren hat sich seit einiger Zeit eine kleine Variante etabliert: die Frauen stellen den Maibaum für ihre Männer. Auch hier mit entsprechender Gruppenunterstützung. Wie soll das gehen unter Corona-Bedingungen?

Im Außenbereich einer Gärtnerei werden geschmückte Maibäume verkauft. Maibäume im Kübel, Angebot in einer Gärtnerei in Alfter (2020); Fotografin: Dagmar Hänel, ©LVR

Es ist gegangen, ziemlich gut sogar. Gärtnereien und Floristen boten kleine Maibäume im Kübel zum Verkauf an, wie mir eine Floristin erzählte, hätten die Frauen auch schon vor vier Jahren gerne auf die kleinere Variante des Maibaums zurückgegriffen. Gut zu transportieren, selbst mit dem Fahrrad, und geben wir es doch zu: irgendwie auch niedlich, die kleinen Maibäume.

Eine junge Frau stellt einen Maibaum im Kübel auf den Gepäckträger ihres Fahrrades. Der gerade erstandene Maibaum im Topf wird mit dem Fahrrad transportiert (Bonn-Endenich, 2020); Fotografin: Dagmar Hänel, ©LVR

Als ich am 19.04. bei oben schon zitierter Floristin einen Blumenstrauß kaufte, musste eine junge Frau schon unverrichteter Dinge und ohne Maibaum nach Hause: Den letzten hatte genau die Kundin vor mir gekauft. „25 Stück hatten wir heute Morgen vom Markt geholt, die sind schon alle weg.“ Die Floristin plauderte auch über die eigenen Familienrituale: „Meine Tochter stellt für ihren Freund einen großen Maibaum auf. Da hat sie den Papa bequatscht, der hat ihr den organisiert und hilft beim Aufstellen heute Abend. Das geht ja, zwei Leute, die eh zusammen im selben Haus leben, da hat sie Glück.“ Glück hatten wir irgendwie alle, denn die Frauen haben selbstverständlich dafür gesorgt, dass auch 2020 der Brauch des Maibaumstellens in seiner besonderen Schaltjahresvariante und unter Corona-Beschränkungen funktioniert hat. Gelernt haben wir dabei zusätzlich noch, das der Allerweltsbaum Birke auf botanisch „betula pendula“ heißt.

Schild an einem Maibaum in einer Gärtnerei. Botanisch korrekte Beschriftung an einem Maibaum (Alfter 2020); Fotografin: Dagmar Hänel, ©LVR

#waswirvermissen: Den Museumsbesuch

Das Dach der Bundeskunsthalle mit den markanten Pyramiden wird im Sommer zur Open-Air-Ausstellungsfläche für historische Gartenkultur. Die Bundeskunsthalle in Bonn nutzt ihr Dach mit den markanten Pyramiden im Sommer für Gartenausstellungen. © LVR-ILR

Museumsbesuche gehören zum Alltag, auch oder vielleicht gerade für uns im Kulturbetrieb. Ob die weitläufigen Gelände der Freilichtmuseen, Highlights der Kunst oder die Geschichte von Städten, Museen bereiten Wissen über Kultur und Geschichte anschaulich für uns alle auf, bieten Erlebnis- und Erfahrungsräume. Im Moment sind sie alle geschlossen. Während wir uns schon auf die Zeit freuen, wenn wir wieder rein dürfen in die Mussen, können wir bei vielen digital in die Ausstellungen schauen. Besuchen Sie auch die Seiten unserer Kolleg*innen der LVR-Museen oder auch der Bundeskunsthalle, deren Dach Sie im Bild sehen!

#waswirvermissen: Rambazamba

Klatschende Menschenmenge in einem Festzelt, in der Mitte steht eine Frau auf einer Bank LVR-ILR, Fotografin: Dagmar Hänel

Rambazamba, Halligalli, Jubeltrubelheiterkeit, Riesenauflauf, das Zelt ist rappelvoll, Jan, Pitt un allemann sin da, auf der Party is mordsmäßig wat los, Remmidemmi – das vermissen wir und das werden wir vielleicht auch dann noch vermissen, wenn wir schon wieder arbeiten dürfen.

#waswirvermissen: Die Kneipe

Einige Männer stehen an der Theke in einer Kölner Kneipe, lachen und trinken. Kneipenszene ©LVR-ILR

Abends auf ein Bier oder Kölsch oder eine Apfelsaftschorle in die Kneipe, mit Freund*innen treffen, lachen, quatschen, klönen, quasseln, praatschen, quatern, vielleicht auch kaaten oder kniffeln, also Karten spielen oder Knobeln, das gehört eigentlich zum Alltag dazu. Auf diese Abende freuen wir uns, wenn wir wieder dürfen.

#waswirvermissen: Pusemuckel

Ortsansicht des Ortsteils Berk der Gemeinde Dahlem mit umliegender, flacher Landschaft Sehnsuchtsziel Pusemuckel? Fotograf: Peter Weber

Pusemuckel, Pampa, JWD, inne Karpaten, hinterm Mond, Hintertupfingen, Kleinkleckersdorf, schäl Sick, gönne Kant, Achterhoek, Zitterhuck – Destinationen, die früher vielleicht nicht zu unserem Zielkatalog gehört haben, aber jetzt möchten wir unbedingt mal dorthin, wenn wir wieder dürfen.

Eine Karte dazu gibts im Atlas zur deutschen Alltagssprache.

#waswirvermissen: Dreharbeiten

Dreharbeiten in einem niederrheinischen Dorf: Der Kameraassistent versucht eine Kuh an den Zaun zu locken, damit sie gut ins Bild gesetzt werden kann. Wir geben alles für ein gutes Bild: Der Kameraassistent versucht eine Kuh anzulocken, Dreharbeiten für den Film "Von Blasorchester, Bürgerbus und Bauernhof. Leben im Dorf", ©LVR-ILR

Unsere Dokumentarfilme gehören zu unseren wichtigsten Produkten. Die Filmarbeit im Wissenschaftsbetrieb ist etwas ganz Besonderes. Zurzeit läuft hier garnix, wegen der notwendigen Kontaktreduktionen. Wenn auch im Homeoffice vieles gut läuft, die besondere Arbeit bei einer Filmproduktion vermissen wir sehr! Traurig macht uns, dass gerade unsere freiberuflich arbeitenden Kolleg*innen an Kamera, Mikrofon und Schnittplatz eine echte Corona-Krise erleben und sich gerade in ihrer beruflichen Existenz bedroht sehen. Wir drücken die Daumen, dass wir schnell wieder mit ihnen arbeiten können, darauf freuen wir uns.

Bis dahin können Sie viele unserer Filme online anschauen: Youtube.

#waswirvermissen: Enkelkinder

Fotograf: Peter Weber

Pänz, Blagen, Büfkes, Kids, Kinder, Enkelschen, Maximilian, Louisa, Rabauken, Tausend-sassas, Nimmersatte, Augensterne, Ullige, Lütte – und wie sie alle heißen und genannt werden mögen, die Enkelkinder, die uns besuchen wollen, wenn sie wieder dürfen.

#waswirvermissen: Fußball spielen

Foto: Erkan Şibka, CC BY-ND 2.0

bolzen, pöhlen, fußballen, Fußi zocken, Fuppes spielen, pengen, kicken, flabben, botschen, dötschen, flatschen, knülzen, knolzen - rheinländische Bezeichnungen für ein Spiel, auf das wir uns schon freuen, wenn wir wieder dürfen. mehr