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Karnevalisten kreativ: Wie so manches unter Corona-Bedingungen doch geht

Ein kalter Sonntagnachmittag Mitte Januar. Wir haben gerade (im Wortsinn gemeint) den Kaffee auf. Es klingelt an der Tür – wer kann das sein? Besuche gibt’s ja momentan eigentlich gar nicht. Vor der Tür stehen zwei Mitglieder vom Karnevalsausschuss Buschdorf e.V., in ihren bunten Uniformen und mit MNS. Mit einem dreifachen Alaaf überreichen sie an einem Wanderstock befestigt (Abstandsregeln einhalten!) einen Beutel an meinen Mann, Mitglied der hiesigen Karnevalsgesellschaft und einige Jahre dort im Vorstand aktiv. Drin ist natürlich der aktuelle Orden der Nachbar-Karnevalsgesellschaft, sowie zwei karnevalistisch aufgepeppte Kölschgläser und eine Flasche Sekt. Eine sehr nette Geste, über die wir uns sehr gefreut haben!

Karnevalsorden an Sektflasche. Der Orden zeigt eine Clownfigur mit Mundschutz und Corona-Virus-Darstellung. Karnevalsorden mit Mundschutz und Virus (Bonn 2021). Fotografin: Dagmar Hänel, ©LVR

Wie bei vielen anderen Karnevalsorden ist auch hier die Coronasituation beherrschend: Das Vereinsmaskottchen trägt einen Mund-Nase-Schutz und kickt mit dem rechten Fuß ein Corona-Virus. Seine Botschaft: „Blev jesond, bal wet et weder bunt.“

Ganz ähnlich beim Orden der Großen Dransdorfer Karnevalsgesellschaft: Auch hier trägt Maskottchen „Antonius“ eine Mund-Nase-Maske, allerdings ist diese drehbar: auf der Rückseite ist der lachende Mund ohne Bedeckung zu sehen. Auch hier ist die Botschaft „Lach doch enss, et wird widde werde“ ein Verweis auf die Zukunft, für das kommenden Jahr hoffen alle auf die Möglichkeit, wieder „richtig“ zu feiern.

Orden zeigt Clownfigur mit variablem Mundbereich: auf einer Seite ist eine MNS-Maske zu sehen, auf der anderen Seite der lachende Mund. Karnevalsorden mit zwei Seiten (Bonn 2021). Fotograf: Stephan Eickschen

Auch die Dransdorfer Karnevalist*innen verteilen ihren Orden in diesem Jahr corona-konform: per Post oder mit persönlicher Abgabe unter Einhaltung der Distanzregeln. Kommuniziert wird darüber in den sozialen Medien: vor allem facebook ist für die Vereinsmitglieder ein Medium des Austauschs und der Herstellung eines Zusammengehörigkeitsgefühls. So werden auf den facebook-Seiten der Vereinsmitglieder und Gruppen Fotos der erhaltenen Orden gepostet, mit Dank und Grüßen, geliked von anderen karnevalsaffinen Menschen.

Seitdem im Herbst 2020 klar wurde, dass die „zweite Welle“ der Pandemie läuft und die Gefahren einer Covid-19-Infektion weitreichende und länger andauernde Schutzmaßnahmen erfordern werden, wurde über Karneval diskutiert. Der Sessionsauftakt am 11.11. wurde kollektiv abgesagt, die Kölner Oberbürgermeisterin sprach sogar ein Alkoholverbot für den Bereich Altstadt/Altermarkt aus, um Närrinnen und Narren abzuschrecken. Für die Session 2021 ist ebenfalls seit Monaten schon von den Vereinen das kollektive Feiern abgesagt worden. Inzwischen ziehen Arbeitgeber nach und streichen für 2021 die vor allem in den kommunalen Einrichtungen der Karnevalshochburgen traditionellen Feiertage Weiberfastnacht und Rosenmontag.

Was tun die Karnevalist*innen? Sie werden kreativ, denn so ganz ohne Karneval wollen sie die kommenden Wochen nicht überstehen. Aus der realen Welt, in der die Pandemie soziale Kontakte, gemeinsames feiern, tanzen und singen verunmöglicht, ziehen die Jecken ins digitale und private. In facebookgruppen und auf youtube finden sich Aufrufe zum gemeinsamen Singen per zoom, sowie Filmchen vom Rosenmontagszug durchs Wohnzimmer: Bobbycar und Puppen werden zweckentfremdet, neu dekoriert und mit Karnevalsmusik unterlegt am Band durch die Wohnung gezogen.

Das folgende Video zeigt sogar einen aktuellen Motivwagen mit Coronamotiv, auf Playmobil-Größe reduziert.

Die Damengarde der KG Vicht schminkt sich getrennt gemeinsam: im zoom-Modus, zwischendurch wird mit Sekt und Bier (digital) angestoßen. Auch hier die Botschaft: wir schützen uns und euch in diesem Jahr, damit wir 2022 wieder gemeinsam feiern können.

Gleiches von „Heiko“, einem Mitglied der Kölner Funken-Artellerie Blau-Weiß von 1870 e.V.: „Unser Kamerad Heiko vermisst, wie alle anderen, die Session und hat sich überlegt: wenn nicht im Gürzenich, dann halt in Wohnzimmer. Hier geht es zum Video auf Facebook.

Vielen Dank für dein Video mit ein bisschen Sessionsfeeling! ????

#nurzesammesinmerfastelovend“

Zu sehen ist Heiko in seiner Uniform, unterlegt mit dem Ton aus einem letztjährigen Auftritt wird gewibbelt.

Kreativ geht auch Karneval unter Corona-Bedingungen. Die Macher der Videos und Texte haben Spaß, teilen diesen über digitale soziale Medien und erhalten damit aus ihrer communitiy positives Feedback. Aktuell scheint die digitale Form der gemeinschaftsstiftenden Rituale zu funktionieren. Interessant ist, dass sich die bisher von mir gefundenen und angeschauten Beiträge im Netz konsequent hinter die Entscheidung, Karneval in dieser Session nicht zu feiern, stellen. Immer wird zu Vorsicht, zum Einhalten der Distanz- und Hygiene-Regeln und zum Tragen der MNS-Masken aufgerufen. Damit lebt das diesjährige Kölner Motto #nurzesammesinmerfastelovend in besonderer Weise gesellschaftliche Verantwortung. Danke dafür, und für die unterhaltsamen, witzigen und kreativen Formen des #coronakarneval 2021. Und besonderen Dank für den Ohrwurm …

Dagmar Hänel

Literatur/Links

N-tv online: Karnevalsauftrakt fällt aus. Köln erlässt Alkoholverbot am 11.11. (https://www.n-tv.de/panorama/Koeln-erlaesst-Alkoholverbot-am-11-11-article22127708.html)

Große Dransdorfer Karnevalsgesellschaft e.V. (http://www.gdkg.de/)

Karnevalsausschuss Buschdorf e.V. (https://buschdorf-alaaf.de/)

Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr. Köln 2006.

Thomas Hengartner: Forschen mit/im Internet. In: Silke Göttsch, Albrecht Lehmann (Hg.). Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. 2. überarb. Aufl. Berlin 2007, S. 187-212.