LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Alltag in der Krise – die Krise im Alltag

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf regionale Alltagskulturen im Rheinland

Foto: Gabriele Dafft, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte

Eigentlich möchte man ja gerne mal raus aus dem Alltag: Austeigen aus den täglichen Routinen, aus dem immer wiederkehrenden Trott aus Weckerklingeln, Pausenbrote schmieren, Arbeiten, Kochen, Einkaufen, Schule, Spülmaschine ausräumen, Sonntagsabend Tatort gucken undsoweiter. So gestalten wir Urlaubsreisen, Wochenenden oder auch Feste wie den Karneval als Ausstieg aus dem Alltag, als Gegenwelt für ein paar Tage oder Wochen.

Aktuell leben wir alle in einer Situation, die den Alltag auf den Kopf stellt: Die Corona-Pandemie fordert massive Einschränkungen von allen Bürgerinnen und Bürgern, die Schließung von Schulen und Kitas, von Cafés und Kneipen, von Bibliotheken, Verwaltungen, Museen und Kirchen hat gravierende Konsequenzen für die Alltagsgestaltung. Die Maßgabe „Abstand halten, alle sozialen Kontakte auf das allernotwendigste reduzieren“ hemmt zwar die Verbreitung des Virus, ist aber für das hochgradig soziale Wesen Mensch ein existentieller Einschnitt. Hinzu kommen Verunsicherung und Sorge: Wie gehen wir mit diesem neuen Virus um? Wie schützen wir uns und andere? Wie lange wird das dauern mit den Ausgangsbeschränkungen? Wie geht es weiter?

Es klingt makaber, aber für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte ist diese Situation von hohem Interesse. Denn ein Forschungsschwerpunkt hier ist die Alltagskultur in der Region. Und aktuell beobachten wir, wie dieser Alltag aus den Fugen, aus den verlässlichen und vertrauten Rahmen fällt. Wir sehen auch, wie sich neue Routinen und Rituale entwickeln, wie Menschen umgehen mit der Herausforderung, drei Kinder zuhause und das Homeoffice unter einen Hut zu bringen. Wir nehmen wahr, wie Menschen versuchen, sich abzusichern: durch das Anlegen von Vorräten an haltbaren Lebensmitteln und Klopapier. Wir entdecken Alltagsheldinnen und –helden, die sich um Nachbarn kümmern oder die abends um 18 Uhr am Fenster Geige und Trompete spielen, um ein Stück Gemeinschaftsgefühl im Veedel herzustellen.

Wir hören zu, wie Rheinländerinnen und Rheinländer über den oder das – oder auch dat Virus reden, wie sie in ihrer Sprache schimpfen über die Einschränkungen und über die, die sich partout nicht an die Regeln halten wollen.

Mit diesen Beobachtungen versuchen wir, die Funktionsweisen des Alltags besser zu verstehen und begleiten die Menschen in unserer Region durch die Krise im Alltag – und den neuen Alltag in der Krise.

In den nächsten Tagen und Wochen werden wir hier unsere Beobachtungen veröffentlichen, die Geschichten, die wir sehen und hören, erzählen und dabei erklären, warum wir eigentlich hamstern, was es mit dem momentan so begehrten Klopapier auf sich hat, welche neuen Rituale und Routinen den Menschen im Krisenalltag helfen. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Blick in die Strukturen des Alltags in der Krise.

Wenn Sie hierzu etwas beitragen möchten, schicken Sie uns gerne Ihre Kommentare, Geschichten, Fotos und vielleicht auch Videos an: rheinische-landeskunde@lvr.de .

Krisen-Netzwerke

Nicht nur in Bonn und dem Rheinland beginnen Kulturwissenschaftler*innen, die aktuelle Situation zu beobachten, zu dokumentieren und zu erklären. Viele Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland haben den „Alltag in der Krise“ im Blick, beispielsweise Studierende und Lehrende der empirischen Kulturwissenschaften der Universität Freiburg. In ihrem Blog „Alltag in der Krise“ finden Sie interessante Beiträge zur veränderten Alltagskultur. Viel Spaß beim Lesen: https://alltaginderkrise.org/.