LVR-Institut für Landeskunde
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„Wir alle werden ein ganz anderes Osterfest erleben als je zuvor“

Ostern in Krisenzeiten

Feste und Bräuche strukturieren unseren Alltag, sie teilen das Jahr in Abschnitte und er-möglichen uns Orientierung. Ostern ist solch ein Fest. Es ist neben Weihnachten das Fami-lienfest schlechthin. Für viele Menschen ist es ein innerfamiliäres Fest, man besucht sich gegenseitig, isst und trinkt zusammen und stärkt so auch den sozialen Zusammenhalt. In vielen Familien haben sich hier feste Abläufe etabliert, ähnlich wie an Weihnachten läuft alles jedes Jahr gleich oder zumindest sehr ähnlich ab – das gebackene Osterlamm auf dem Kaffeetisch, die gefärbten Eier zum Frühstück und vielleicht auch das gemeinsame Eiersuchen im Garten – egal wie alt die Kinder schon sind. Für viele Christen gehört der Ostergottesdienst dazu, vielleicht auch das Osterfeuer oder der Osterspaziergang. Die Vorbereitungen auf das Fest fangen in vielen Familien schon Wochen vor dem eigentlichen Fest an: Da werden Eier ausgeblasen und bemalt, es wird gefärbt und gebacken, der Osterstrauß dekoriert, Geschenke und Schokoladenhasen eingekauft und das Osternest ausgestaltet. Jedes Jahr geschieht dies ähnlich, bei aller Varianz, bei allen selbst gewählten Abweichung feiern wir Ostern jedes Jahr mehr oder weniger gleich. „Doch nicht dieses Jahr. (…) Wir alle werden ein ganz anderes Osterfest erleben als je zuvor“ so kündigte die Bundeskanzlerin in ihrem Video-Podcast vom 3.4. an. Und so macht die Corona-Krise auch vor Ostern nicht halt.

Innmitten von Pflanzen liegen zwei bunt gefärbte Eier, die von einer Hand aufgehoben werden. Ostereiersuchen – dieses Jahr wird es anders. Peter Weber/Archiv des Alltags im Rheinland/ 20030420-173/LVR

Statt dem festliche Osteressen im Restaurant bieten manche Restaurants jetzt einen Lie-ferservice an – das Ostermenue to go oder an die Haustür gebracht. Die Ostermesse kann nur im Fernsehen oder virtuell verfolgt werden und das Eiersuchen muss im engsten Familienkreis stattfinden, ohne Oma und Opa, Tanten und Onkel. Auch das Grillen mit Freunden oder der Kurzurlaub ans Meer ist dieses Jahr gestrichen. Das ist sicherlich für jeden Einzelnen für uns zunächst einmal irritierend, unschön, vielleicht sogar traurig. Aber Bräuche und Rituale verändern sich permanent, sie passen sich uns an oder besser gesagt, wir passen sie unseren Bedürfnissen an. Das war schon immer so. Konstanten sind gut und wichtig, wir brauchen sie im Leben und trotzdem gehört zur Konstanz auch die Veränderung. Oft ist es uns gar nicht bewusst, dass wir die Feste eben doch nicht „schon immer so feiern“, dass in Wirklichkeit eben doch nicht alles ganz genauso ist, wie im letzten Jahr, dass es auch hier schon Veränderungen gab. Manchmal selbst gewollte und manchmal wurden sie uns auch durch äußere Umstände – so wie dieses Jahr – oktroiert. Und so werden wir auch dieses Jahr – trotz Corona – Ostern feiern. Es wird sicherlich anders werden, aber vielleicht steckt in diesem anderen Osterfest auch eine Chance. Vielleicht entdecken wir plötzlich neue Rituale, werden kreativ, wie wir dieses Fest, an dem alles so anders ist, feiern können. Vielleicht merken wir auch, dass einige Rituale, an denen wir jahrelang festgehalten haben, eigentlich gar nicht zu uns und unserem Leben passen, dass Veränderung vielleicht auch gut sein kann. Nur so kann Innovation entstehen.

Und vielleicht ist ja doch nicht alles so anders – vielleicht halten wir gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, des Wandels und einer ungewissenen Zukunft, noch stärker an dem fest, was wir kennen. Vielleicht kommt dem Eiersuchen im Garten eine ganz neue Bedeutung zu. Vielleicht erleben wir Ostern dieses Jahr bewusster und intensiver. Es wird auf jeden Fall ein besonderes Osterfest sein. Und bei aller Ungewissheit ist eines sicher: „Es wird ein Danach geben. (…) Es wird auch wieder Osterfeste geben, an denen wir uns uneingeschränkt Frohe Ostern wünschen werden.“

Quellenverzeichnis