LVR-Institut für Landeskunde
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Neujahrsbrezeln als Symbol für Glück und Gemeinschaft

Der Brauch der Neujahrsbrezel ist seit dem 15. Jahrhundert schriftlich belegt. Sie wurde innerhalb von Handwerkszünften oder Bauernfamilien gebacken und verschenkt, womit sie als Zeichen des Zusammenhalts für das neue Jahr galt. Ihre besondere Bedeutung erhielt die Brezel auch dadurch, dass Erzeugnisse aus Weizenmehl früher als teuer und hochwertig galten, was das Gebäck zu einem seltenen und begehrten Genuss machte. Die Größe der Brezel ließ dabei erkennen, wie sehr man den Beschenkten wertschätzte.

Symbolisch steht die Neujahrsbrezel seit jeher einerseits für Glück und Gesundheit, andererseits verdeutlicht sie durch ihre Form die Analogie zwischen dem Kreislauf des Lebens und dem Jahreslauf, der mit dem Neujahrstag stets wieder einen Anfang findet. Vielerorts ist es üblich, die Brezel bereits vor dem Silvesterabend zu backen, in Stücke zu schneiden und an Freunde und Familie zu verteilen. In Köln tauschte man um 1600 speziell zu Neujahr gebackene Brezeln aus, die je nach Geschmack oder Geldbeutel mit und ohne Marzipanfüllung gebacken waren.

Neujahrsbrezeln waren auch Bestandteil der Heischegänge zu Neujahr: In der Eifel zogen früher die jungen Männer heiratsfähigen Alters in der Silvesternacht singend durch das Dorf, um die Wohnstätte ihrer Liebsten aufzusuchen. Diese bedankten sich mit Brezel, Schnaps und Eierkranz, die sie am Eingang bereitstellten. Im 19. Jahrhundert suchten in ländlichen Regionen am Neujahrsmorgen Kinder ihre Paten auf und erhielten Gebäck, z. B. Hefekränze, für ihre Glückwünsche.

Zwei Mädchen in weißen Kleidern haben Brezeln um den Hals gehängt und posieren nebeneinander für ein Foto. Mädchen in weißen Kleidern mit umgehängten Neujahrsbrezeln. Bis ins 20. Jahrhundert hinein erhielten Kinder die Brezeln von ihren Paten am Neujahrsmorgen für ihre Glückwünsche. Lobberich, Kempen-Krefeld, 1928

Neben der Neujahrsbrezel gab es im Laufe des 19. Jahrhunderts weitere bekannte Gebäcke, die regional unterschiedlich waren. So war für Bonn ein Neujahrsweck üblich, der eine längliche und an den Enden spitz zulaufende Form hatte. Der Dauner Weck dagegen hatte ein an den Enden sich teilendes Aussehen, welches an einen Knochen erinnerte.

Lebendig gehalten wird der Brauch um die Neujahrsbrezel auch in den Schützenvereinen. Im 20. Jahrhundert, und auch heute noch, wird in vielen Schützenbruderschaften das „Brezelschießen“ zu Neujahr veranstaltet, in dessen Rahmen der so genannte „Brezelkönig“ gekürt wird. Diesem steht nach siegreicher Teilnahme eine besonders große Brezel als Preis zu.

Auch auf repräsentativer Ebene kam das Gebäck bereits zu seiner symbolträchtigen Geltung: So überreichte zu Neujahr 1986 der damalige Vorsteher der Bäckerinnung dem Bürgermeister der Stadt Bonn einen Neujahrskranz als Glücksbringer

Dass die Neujahrsbrezel auch heute nichts von ihrer Relevanz eingebüßt hat, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der rheinischen Bäckereien: Dort gilt die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester als die herausfordernste des Jahres. In langen Arbeitstagen und -nächten werden die unzähligen, bis zu 1kg schweren Teigstücke mit gekonnten Handbewegungen ausgeformt, großzügig mit Hagelzucker bestreut und in den Ofen geschoben, um die zahlreichen Vorbestellungen zu bedienen.

Somit sind das Backen, Verschenken und Verzehren der Neujahrsbrezeln als ein Brauch anzusehen, welcher im Rheinland über Jahrhunderte hinweg die persönlich überbrachten guten Wünsche für das neue Jahr bis zum heutigen Tage begleiten und unterstreichen.

Text: Frederic Kausch
Foto: Foto: Maria Bertges/LVR, CC BY 4.0 (1991-051-27/Archiv des Alltags im Rheinland)

Literatur

Döring, Alois: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006

Döring, Alois; Kamp, Michael; Uhlig, Mirko: Dem Licht entgegen. Winterbräuche zwischen Erntedank und Maria Lichtmess, Greven, Köln 2010

Internetquellen

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neujahrsbrezeln-das-jahresendzeitgebaeck-gibt-s-immer-frueher.3e19cb4a-ef67-4a0d-af6f-b524a6f61d06.html

https://www.stimme.de/archiv/schozach-bottwar/sonstige-die-neujahrsbrezel-als-gluecks-und-liebesbote-art-928999

Aus dem ILR-Archiv

Ginzler, Hildegard: Glimmer, Backwerk, Donnerknall: Neujahrs-Bräuche im Rheinland. In: Neues Rheinland, Reportagen & Berichte (Inventarnummer 2017.317)

Die Brezel: vom Lebensretter zum Glücksbringer, General-Anzeiger vom 03.01.1996 (Inventarnummer 2017.1107)

Tannenbuscher wurde Brezelkönig. Zeitungsauschnitt von 1987 (Inventarnummer 2008.627)

Immenkeppel, Gabriele: Hefeteig, Hagelzucker und Hektik. General-Anzeiger, Silvester/Neujahr 2013/2014, S. 20 (Inventarnummer: 2014.9)