LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Maibräuche des Junggesellenvereins Körrenzig

Der Junggesellenverein Körrenzig 1843 e.V. feierte 2018 sein 175jähriges Jubiläum. Dieser Verein wird von einer Gemeinschaft unverheirateter Männer aus dem Dorf Körrenzig getragen, die vor Ort die Maibräuche pflegt. Darunter fallen eine Maiversteigerung, das Stellen von Maibildern sowie eines Dorfmaibaums und die Organisation eines Maifestes mit Ball, Messe und Festzug sowie die Maizeche. Im Zuge der Vorbereitungen zum Jubiläum im vergangenen Jahr kam es zu einer Kontaktaufnahme mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (LVR-ILR).

Bereits vor 40 Jahren hatte das damalige Amt für rheinische Landeskunde anlässlich des 135jährigen Vereinsjubiläums eine Filmdokumentation über den dortigen Maibrauch gedreht, die nun im Zuge der Zusammenstellung der Vereinsgeschichte zum neuen Jubiläumstermin erneut in das Bewusstsein des Vorstandes rückte.

Und um eine filmische Dokumentation des Jubiläumsfestes sollte es auch diesmal gehen.

Während des Festes 2018 führte die Abteilung Volkskunde dann eine erste Feldforschung und Dreharbeiten im Dorf Körrenzig (Kreis Düren, aktuell 1.325 Einwohner*innen) durch. Aus dem Material soll ein neuer Film entstehen, der den Wandel der Maibräuche thematisiert, aber auch nach den Funktionen und Bedeutungen des heutigen Vereinslebens im ländlichen Raum fragt.

Das ist für die Volkskunde-Abteilung des LVR-ILR eine äußerst spannende Forschungssituation, denn durch die Aufnahmen von 1978 liegt nun Material einer spezifischen Veranstaltung eines Vereins in einem Ort im Abstand von 40 Jahren vor, und es besteht die Möglichkeit der vergleichenden Betrachtung in der Mikroperspektive.

Maigesteck aus Tannengrün mit Papierrosen Maigesteck aus Tannengrün mit Papierrosen, Körrenzig 1979. Detlev Perscheid/Archiv des Alltags//LVR Junggeselle auf einer Leiter bringt ein Maigesteck an einem Haus an Anbringen eines Maigestecks am Haus, Körrenzig 1979. Detlev Perscheid/Archiv des Alltags/LVR Barbieren eines Junggesellen Barbieren eines neuen Vereinsmitglieds, Körrenzig 1979. Detlev Perscheid/Archiv des Alltags/LVR

Nach der ersten Sichtung des gedrehten Materials zeigen sich zwar Veränderungen des Brauchkomplexes: die vereinsinterne Veranstaltungsorganisation hat sich deutlich vergrößert und professionalisiert. Die Maibilder werden den Maifrauen heute aus bunten Krepppapierkügelchen gebastelt, zur Zeit der Dreharbeiten der ersten Filmdokumentation handelte es sich bei den gestellten Maien um Tannen- oder Birkengestecke mit Papierrosen und bunten Bändern, noch früher lediglich um Birken- oder Tannenzweige. Auch die jährlichen Veranstaltungen für die ausgeschiedenen und nun passiven Vereinsmitglieder gab es in der Vergangenheit nicht.

Im Gegensatz dazu haben sich Inhalte und Vereinsstatuten wie die Aufnahmeregeln und -rituale kaum verändert. Noch immer muss sich der Neuling dem „Barbier-Ritual“ unterziehen, um in den Verein aufgenommen zu werden. Ebenso wird das Mailehen nach wie vor versteigert. Welcher Junggeselle eine unverheiratete Körrenzigerin ersteigert hat, erfahren die Frauen dabei erst durch die Verteilung von Kärtchen mit dem Namen ihres Maimannes. Einzig über dieses Mailehen ist eine Teilnahme als Maipaar im Festzug möglich.

Junggesellenvereine und Maigesellschaften erleben in den letzten Jahren einen Aufschwung – so wird es im Rahmen des Körrenziger Jubiläums kommuniziert. Vor Ort ist dies vor allem an den Vereinseintritten, die ab dem 16. Lebensjahr möglich sind, abzulesen. Bei einem vielfältigen Freizeitangebot einer mobilen Gesellschaft scheint diese Aussage zuerst einmal zu verwundern.

Ein Jubiläum ist stets ein Anlass, über Vergangenheit und Zukunft zu reflektieren. Vor diesem Hintergrund fragt das Projekt nach den Motiven für eine Vereinsmitgliedschaft. Die Bedeutung von Tradition, der Netzwerkcharakter sowie das soziale Miteinander in einem Verein, der vor allem von jungen Männern getragen wird, stehen dabei besonders im Blickpunkt.

In qualitativen Interviews, die 2019 erhoben werden, erklären die Mitglieder ihre Motivation für das Engagement im Verein und zeigen auf diese Weise exemplarisch die historischen und aktuellen Funktionen eines Junggesellenvereins im ländlichen Raum.

Bis zum Maifest 2020 soll der neue Film als Ergebnis dieses Forschungsprozesses mit einer Montage der Aufnahmen von 1978 und 2018/19 fertiggestellt werden.

Ansprechpartnerin:
Andrea Graf
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte
Endenicher Straße 133
53115 Bonn
Telefon: +49 (0) 228 9834 - 266
E-Mail: andrea.graf@lvr.de

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