LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Korrekte Kostüme?

Was hinter der Diskussion um Karnevalskostüme steckt

Verkleidete Personen zu Karneval: Ein Mann mit Narrenkappe und Mantel neben eine Gruppe, die sich stereotyp als schwarze Menschen verkleidet. Die Kostümierung greift koloniale Darstellungsmuster auf "Blackfacing" in den 1950er Jahren (Köln). Solche Kostüme rufen heutzutage vermehrt Kritik hervor. Eine Frau hat sich als stereotype Afrikanerin verkleidet Stereotype Verkleidung als "Afrikanerin", Blankenheimerdorf 2003

Die tollen Tage stehen vor der Tür und mit ihnen eine Auszeit vom Alltag, in der andere Normen und Verhaltensweisen gelten als sonst. Kostüme erleichtern den Jecken den Einstieg in diesen Ausnahmezustand und das Spiel mit Geschmacksgrenzen bei der Kostümwahl gehört zum Karneval dazu. Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (ILR) beobachtet in den letzten Jahren einen verstärkten gesellschaftlichen Diskurs um die Frage nach „politisch korrekten Kostümen“ und hat einen Blick auf die aktuellen Kostümwelten geworden. Dabei geht es den Forschenden nicht darum, einzelne Verkleidungen zu verurteilen, sondern zu erklären, wann und warum sich beim Thema Kostüme die Gemüter erhitzen.

Diskutiert werden immer wieder sogenannte Länderkostüme, die zum Beispiel Trachten oder kulturelle Symbole imitieren, die mit einer Region, Nation oder Ethnie assoziiert werden. Diese Kostüme fokussieren sich auf vermeintlich Exotisches und leben von Klischees. Genau das sorgt für einen schnellen Wiedererkennungseffekt, aber eben auch für Kontroversen. Vor allem, wenn sich weiße Menschen als Schwarze verkleiden, noch dazu mit Tierfell oder Bastrock, mit Nasenring und Knochenkette, muss man sich darüber im Klaren sein, dass solche Darstellungsmuster rassistische Denkweisen aus der Kolonialzeit reproduzieren. Indigene Völker wurden darin als unzivilisiert und bedrohlich charakterisiert. Kolonialmächte setzten diese Klischees bewusst ein, um die Unterdrückung der Menschen und ethnischen Gruppen in den besetzen Ländern zu legitimieren. Wenn Karnevalsverkleidungen solche Darstellungsmuster reproduzieren, schwingen auch die rassistischen Bedeutungsgehalte mit – das kann durchaus unbeabsichtigt und unbewusst geschehen. Dass die Debatte über solche Kostüme schnell hochkocht, hat mehrere Gründe: Oft werden Hinweise auf den rassistischen Gehalt bestimmter Kostüme vorschnell als Vorwurf an die Kostümträgerin und den Kostümträger missverstanden, sie seien Rassisten. Das aber provoziert erst recht Widerstände und eine Abwehrhaltung, die eine sachliche Auseinandersetzung über historische Kontexte bestimmter Verkleidungen erschwert. Darüber hinaus wird mancher Appell zum sensiblen Umgang mit bestimmten Kostümen als Kostümverbot wahrgenommen und in der Folge als übertriebene Einmischung in einen traditionellen Brauch. Reglementierungen aber passen nicht gut zu einem Fest, zu dessen Kern es gehört, die herrschende Ordnung auf den Kopf zu stellen. Dass hier Vorstellungen kollidieren, liegt auf der Hand. Mit Blick auf das breite Spektrum der Kostüme im rheinischen Karneval kann das ILR feststellen, dass Kostümvarianten, die schwarze Menschen als „Wilde“ zeigen, nur selten im Kneipen- und Straßenkarneval gesichtet werden – hier scheinen Sensibilität und Bewusstsein für die spezifische Problematik solcher Darstellungen durchaus zugenommen zu haben. Fotos aus dem Archiv des ILR zeigen, dass dies noch in den 1950er bis 1970er Jahren anders war.

Die stereotypen Darstellungsmuster greifen übrigens nicht nur bei den sogenannten Länderkostümen, die meisten Verkleidungen funktionieren so. Der „Hippie“ zum Besipiel trägt Karneval eine Schlaghose mit quietschbunten Blumenmuster, ein Peacezeichen als Kette und ein Stirnband zur Langhaarperücke. Gerade in dieser Vereinfachung liegt auch der Reiz des Karnevals: Einmal den durchstrukturierten, rationalen Alltag zu durchbrechen, kann befreiende Wirkung haben. Gerade in Zeiten umfassender globaler Entwicklungen und gesellschaftlicher Umbrüche zeigt sich im lustvollen Spiel mit Klischees auch die Sehnsucht nach einer vereinfachten Sicht auf die Welt. Mit den gegenwärtigen kontroversen Diskussionen um Kostüme hält Karneval der Gesellschaft den Spiegel vor: Derzeit handelt eine Gesellschaft in Deutschland aus, wie sie sich als Einwanderungsland oder als plurale Gesellschaft versteht. Die Diskussion um Karnevalskostüme kann dann zur Folie für die Frage werden, wie man mit Minderheiten umgeht und sich gegenüber Fremden und dem Fremden verhält. Unterschiedliche Positionen sickern dann auch durch die Oberfläche von Kamelle, Frohsinn und Kostümen.

Mehr Infos zur Kostüm-Debatte ...

Aufsatz "Korrekte Kostüme?" aus Alltag im Rheinland 2019 (PDF-Datei, 679 KB)