LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Heimat geht durch den Magen

Esskultur und Heimat

Schulklasse beim Ausstellungsbesuch: Installation von Umzugskartons mit Porträts und Zitaten Schülerinnen und Schüler beim Ausstellungsbesuch Buch 'Heimat geht durch den Magen' auf einem Präsentationstisch Buch "Heimat geht durch den Magen"

Wie Heimat schmeckt und was Jugendliche unter Heimat verstehen, kann man jetzt in einer aktuellen Publikation des ILR nachlesen: "Heimat geht durch den Magen" lautet der Titel einer Broschüre, die im Rahmen des Forschungs-Projekts "Wo ist dann meine Heimat …?" entstanden ist. Für dieses Projekt kommen wir mit Jugendlichen im Rheinland ins Gespräch. Wir fragen sie zum Beispiel, was sie mit Heimat verbinden oder was sie brauchen, um sich an einem Ort oder in einer Gemeinschaft zu Hause fühlen. Die Ergebnisse präsentieren wir in der gleichnamigen Ausstellung. Nach mehreren Stationen in Köln und in Xanten hat das ILR Duisburg zum Schauplatz gemacht und Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Globus am Dellplatz einbezogen. Kooperationspartner war das Kultur- und Stadthistorische Museum.

Zum Projektstart wählten wir diesmal einen kulinarischen Einstieg. Essen ist ein zentraler Bestandteil des Alltags, jeder kann etwas dazu erzählen. Essen fördert in besonderer Weise die Kommunikation und die Erfahrungen mit der Esskultur anderer Regionen und Länder sind häufig ein erster Schritt, um miteinander in Kontakt zu kommen, sich über unterschiedliche Gewohnheiten auszutauschen. Traditionelle Speisen, eine bestimmte Art der Zubereitung, manchmal sogar auch nur vertrauter Geruch oder eine in der Familie überlieferte Geschichte rund ums Essen, wecken Erinnerungen an zu Hause. Das macht das Thema Essen zu einem idealen und ebenso genussvollen wie alltagspraktischen Aufhänger, um von jungen Menschen zu erfahren, was sie über Heimat denken.

Bevor wir also den Duisburger Schülerinnen und Schülern mittels Interviews und Gruppendiskussionen in die Köpfe geschaut haben, ließen sie uns erst mal in die Kochtöpfe gucken. Die Mädchen und Jungen der Klasse 10a brachten Rezepte in den Unterricht mit: Lieblingsspeisen, von denen sie nie genug bekommen, Gerichte, die bei ihnen zu Hause oft gekocht werden, Familienrezepte, die sie zu besonderen Anlässen zubereiten. Da in der Klasse über 70% der Jugendlichen einen Migrationshintergrund haben, lag es nahe, dass es bei den Rezepten und beim gemeinsamen Kochen nicht nur kulinarisch, sondern auch multinational zuging. Allerlei Leckeres kam bei der Aktion auf den Tisch und viel Persönliches zum Thema Heimat zur Sprache. In anschließenden Diskussionsrunden hatten wir Gelegenheit, das zu vertiefen.

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Handschriftliche Rezeptvorlagen der Schulklasse Rezepte der Schulklasse Besucherinnen und Besucher vor der Ausstellungsinstallation "Wo ist dann meine Heimat?": Portraits und Zitate aufgedruckt auf Umzugskartons. Besucherinnen und Besucher vor Ausstellungsinstallation "Wo ist dann meine Heimat?"

Im Laufe eines knappen Schulhalbjahres bekamen wir vielfältige Einblicke in die Lebenswelten und Denkweisen junger Menschen, so dass wir uns entschlossen, ein Begleitbuch zur Ausstellung herauszugeben. Es bietet Rezepte vom deftigen türkischen Frühstück bis zum süßen Gebäck aus Albanien. Vertraute Speisen wie Reibekuchen, Maultaschen oder Börek kommen darin vor, nachkochen kann man aber auch hierzulande eher unbekannte Gerichten wie Akroschka, eine albanische Sommersuppe, die kalt gegessen wird, und Fufu, ein Grießgericht aus Angola. Kurze Kommentare der Jugendlichen zu ihren Rezepten erläutern, warum sie ein Gericht gerne essen oder zu welchen Gelegenheiten es gekocht wird. Eine sehr persönliche Note bekommt das Buch durch Porträts der beteiligten Schülerinnen und Schüler in Kombination mit Zitaten, in denen sie uns an ihren individuellen Vorstellungen von Heimat teilhaben lassen.

Darüber hinaus geben zwei bebilderte Textbeiträge anschauliche Hintergrundinfos. Dagmar Hänel (ILR) erläutert in ihrem Aufsatz „Essen ist ein Stück Heimat“ warum unsere Nahrungsaufnahme weitaus mehr ist als die Zufuhr notwendiger Kalorien. An der Veränderung unseres Essverhaltens lässt sich zum Beispiel der kulturelle Wandel unserer Gesellschaft ablesen. Gabriele Dafft (ILR) gibt in ihrem Beitrag „Wo ist dann meine Heimat …?“ konkrete Einblicke in die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern. Sie erklärt anhand der Ergebnisse des Forschungsprojektes, wie Heimat aus Sicht von Jugendlichen funktioniert, und stellt die authentischen Äußerungen der jungen Menschen in einen breiteren Kontext. Ein zentrales Ergebnis ist, dass Jugendliche Heimat nicht einseitig auf das Herkunftsland oder den Eintrag im Pass reduzieren, sondern vor allem im Zusammenleben mit anderen Menschen herstellen. Die Wertschätzung von anderen ist dabei eine entscheidende Vorrausetzung, um sich an einem Ort zu Hause zu fühlen.

Der nächste Schauplatz des Projektes wird Mönchengladbach sein. Gemeinsam mit einer Klasse des Berufskollegs Rheydt-Mülfort geht es dann um den Schwerpunkt Heimat und Religion.

Gabriele Dafft /Carola Lendeckel / Kornelia Kerth-Jahn (Hrsg.):
Heimat geht durch den Magen.
Ein Begleitbuch zur Ausstellung „Wo ist dann meine Heimat?“
Mit internationalen Rezepten von Jugendlichen aus Deutschland.
Bonn 2014.
64 Seiten, 4 Postkarten.

Die Broschüre ist eine Kooperation des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte mit der Gesamtschule Globus am Dellplatz und dem Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg (KSHM). Sie ist im Museumsshop des KSHM gegen eine Schutzgebühr von 5,00 Euro erhältlich.

Ansprechpartnerin für das Projekt
Gabriele Dafft
LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte
Endenicher Str. 133, 53115 Bonn
Telefon: +49 (0) 228 9834 - 207
E-Mail: gabriele.dafft@lvr.de

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