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  • Dialekt à la carte: Kartoffel

    Karte mit der Verbreitung der unterschiedlichen Wörter für Kartoffel Durch Anklicken vergrößert sich das Bild

    a) Begriff

    Die Kartoffel ist in Mitteleuropa seit dem 18. Jahrhundert, z. T. erst nach zwangsweiser Einführung durch die Landesfürsten, zum Volksnahrungsmittel geworden. Sie ist sehr gut für die meist sandigen Böden des Untersuchungsgebietes geeignet und deshalb eines der landwirtschaftlichen Hauptprodukte. Die hochdeutschen Synonyme Erdapfel, Erdbirne und Grundbirne sind im deutschen Teil des Untersuchungsgebietes nicht geläufig.

    b) Heteronymik

    Das standardsprachliche Lexem Kartoffel ist in dieser Lautform nur an zwei Orten belegt (Wertherbruch, Brünen), die Form Kartuffel findet sich an acht weiteren Orten des Westmünsterlandes, vornehmlich im Altkreis Ahaus. Eine Kurzform Tuffel ist in Bocholt und Dingden belegt und stellt den Überrest eines ehemaligen rheinischen Tuffel-, Duffel-Gebietes dar (Rheinisches Wörterbuch, Bd. 4, Sp. 216f.).

    Als grenzüberschreitendes Heteronym erweist sich Eer(ap)pel, das auf niederländischer Seite durch die Standardform aardappel gestützt wird, auf der deutschen Seite der Grenze aber durch Varianten von Kartoffel zersetzt wird.

    Als kleverländisches Heteronym finden wir Pipper und Varianten (mittelniederländisch, mittelniederdeutsch pippink < französisch pépin 'Obstkern'), das linksrheinisch zwischen Rheinberg und Oud-Zevenaar neben Eer(ap)pel auftritt. Als Einzelbeleg wird Patat mit dem Zusatz "Süßkartoffel" in Rheinberg angegeben (Zweitmeldung), nach den Angaben des Rheinischen Wörterbuchs (Bd. 6. Sp. 555f.) inzwischen offensichtlich in Reliktlage. Das gilt auch für den Einzelbeleg Ännött "Erdnuss" (Zweitmeldung aus Brünen), das nach dem Rheinischen Wörterbuch (Bd. 4, Sp. 216) und dem Deutschen Wortatlas (Bd. 11, Karte 4) als Relikt eines ehemals kleinen geschlossenen Areals im Raum Schermbeck-Gahlen-Brünen erscheint.

    c) Wortgeographische Deutung

    Ein so wichtiges Landbau- und Handelsprodukt wie die Kartoffel entwickelt nicht so wie etwa Kleintiere (s. Karte Spatz und Schmetterling) oder Wildkräuter eine kleinräumige, unruhige Heteronymik, sondern neigt eher zu klarer, großflächiger Wortarealbildung. Umso bemerkenswerter ist die Herausbildung einer eigenen kleverländischen Form (vgl. Cornelissen 1991, S. 68). Die Staatsgrenze ist als Wortgrenze zwar noch nicht sehr deutlich hervorgetreten, kündigt sich im westfälischen Teil des Untersuchungsgebietes durch hochdeutschen Einfluss aber bereits an.

    Ludger Kremer

    Literatur: