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  • Dialekt à la carte: Erstes abgeschnittenes Stück Brot

    Karte mit der Verbreitung der unterschiedlichen Wörter für das erste abgeschnitten Stück des Brotes Wortkarte "Erstes abgeschnittenes Stück des Brotes" aus dem Dialektatlas Westmünsterland – Achterhoek – Liemers – Niederrhein

    "Van‘ Lachköstken nao’t Brummköstken"

    In unserem Fragebogen wurde sowohl nach der Bezeichnung für das erste als auch nach der für das letzte Stück eines Brotes gefragt. Hinter dieser zweifachen Frage stand die Überlegung, dass, zumindest in früheren Zeiten, als täglich frisches Brot im Gegensatz zu heute noch keine weit verbreitete Selbstverständlichkeit war, vielfach in der Bezeichnung zwischen den beiden Enden unterschieden wurde. Das eingegangene Material ließ jedoch in weiten Teilen des Untersuchungsgebiets die erhoffte Differenzierung vermissen, so daß hier lediglich die Angaben zur ersten (Teil-) Frage kartiert und im folgenden besprochen wird.

    Das erste Stück eines Brotlaibs war oft "ofenfrisch", vor allem bei Weißbrot außen knusprig und innen weich. Wie die erste Morgenstunde eines neuen Tages hatte man das Ganze noch vor sich – Brot genug, Grund zur Freude, Grund zum Lachen. Das letzte Stück dagegen war weder frisch noch vielversprechend, sondern im wahrsten Sinne des Wortes "das Ende", ein Grund für Tränen (westfälisch Grieneknuust) oder zumindest Meckerei (Brummköstken). Vielfach waren auch ehemals volkstümliche Glaubensvorstellungen an das Endstück eines Brotes geknüpft (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 1, Sp. 1657). So hieß es, das Endstück schmecke besonders gut, sei wichtig für die Zähne, mache besonders kräftig und schütze vor Heimweh (Berger 1953, S. 59-62). In Ostfriesland werden die Endstücke vor allem jungen Mädchen empfohlen: "Van Kappen un Kosten kiregen junge Wichter dicke Bosten" ( Berger 1953, S. 61).

    Überall, wo Brot gegessen wird, hat das Endstück einen eigenen, besonderen Namen. Allein in unserem Untersuchungsgebiet wurden auf die Fragen "Wie nennen sie das erste und das letzte Stück eines Brotes" insgesamt zehn verschiedene Ausdrücke und zahlreiche Varianten (Verkleinerungsformen und Zusammensetzungen) genannt. Für die vorliegende Karte wurden die vier häufigsten Meldungen Macke, Korst(e), Kapp(e) und Knapp(e) kartiert.

    Die meistbelegte Form Korst(e) ist mit hochdeutsch Kruste und niederländisch korst 'Kruste, (Brot-)Rinde' identisch, die ihrerseits auf lateinisch crusta 'verkrustetes Blut, Kruste' zurückgehen (Deutsches Wörterbuch, Bd. 11, Sp. 2479-2481; Woordenboek der Nederlandsche taal, Bd. 7,2, Sp. 5683-5690). Die Umstellung des r (Metathese) ist auch von solchen Wortpaaren wie Brust/Borst, Warze/Wratte sowie Grütze/Görte her bekannt. Das Benennungsmotiv liegt - wie übrigens auch im Fall von Kapp(e) - in der Bedeutung 'Rinde, Hülle' begründet, ist doch der Krustenanteil bei den Endstücken bedeutend größer als bei allen übrigen Scheiben.

    Macke, überwiegend in der Verkleinerungsform Mäcksken mitgeteilt, scheint ausschließlich in Achterhoek-Liemers, am Niederrhein und im westlichen Münsterland verbreitet zu sein. Das Rheinische Wörterbuch kennt Belege lediglich aus unserem Untersuchungsgebiet (Rheinisches Wörterbuch, Bd. 5, Sp. 691-692), und Kremers Karte 48 zeigt eine Verbreitung des Wortes für Achterhoek-Liemers und Westmünsterland innerhalb einer Linie Emmerich-Doesburg-Deventer-Ammeloe-Hochmoor-Raesfeld (Kremer 1979, Teil 1, S. 123-124; Teil 2, S. 94). Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt, doch ist es wohl identisch mit gleichlautenden Ausdrücken in den niederländischen Ortsmundarten Bergh und Eibergen: mak, makke, mekske 'dicke Schicht; flache, verklumpte Masse' ( Harmsen 1982, S. 96; Weink 1980, S. 50).

    Knapp (Elten, Groß Reken), knappe (Haaksbergen) und Knäppken (alle übrigen Belege) gelten als ausgesprochen münsterländisch (Berger 1953, S. 55). Die Grundbedeutung des Wortes dürfte 'rund und fest Hervorragendes; Auswuchs, Knorren, Knospe' sein (Berger 1953, S. 50).

    Wie Korst(e) geht Kapp(e) ebenfalls ursprünglich auf ein lateinisches Lehnwort, in diesem Falle cappa 'Oberkleid, Mantel, Hülle' zurück. Das Wort ist heute in beiden Standardsprachen verbreitet in der Bedeutung 'Kopfbedeckung' - auch im übertragenden Sinne -, im Niederländischen aber auch als Bezeichnung für 'een der beide uiteenden van een (langwerpig) brood, boven- of onderkorst van een beschuit' (Woordenboek der Nederlandsche taal, Bd. 7, Sp. 1337-1338, 'eines der beiden Enden von einem (länglichen) Brot, Ober- oder Unterseite von einem Zwieback'). Die Verbreitung des Wortes diesseits der Grenze in den Mundarten Ostfrieslands, im Emsland sowie sporadisch im Westmünsterland weisen es als niederländisches Lehngut aus. Bis auf einen fast standardsprachlichen Beleg aus Hengelo (kapjen) enthielt unser Fragebogen nur Diminutiva mit Umlaut und dem Verkleinerungssuffix –ke(n) (Käppken, kepke).

    Die Karte zeigt ein zentrales, grenzübergreifendes achterhoek-westmünsterländisches Dialektkontinuum, in dem Macke überwiegt. Dem steht südlich einer Linie Oud-Zevenaar-Emmerich-Rheinberg ein ebenfalls die Staatsgrenze überspannendes Korst(e)-Gebiet gegenüber. Das nördliche Westmünsterland ist ausgesprochen heterogen. Einerseits kennt es ebenfalls das rheinische Korst(e) und weist so auf die ursprüngliche Ausdehnung eines mit dem Rheinland zusammenhängenden Gesamtareals hin, andererseits ist die münsterländische Form Knapp(e) ebenso stark vertreten, was auch die enge Beziehung zum Kernmünsterländischen erneut unterstreicht. Kapp(e) ist – mit Ausnahme der Belege aus Epe und Wüllen- auf das niederländische Staatsgebiet, Knapp(e) dagegen – mit Ausnahme des Haaksbergener Belegs – auf das deutsche Staatsgebiet beschränkt.

    Nicht in die Karte aufegnommen wurden die je einmal belegten Formen mik (Oud-Zevenaaar), kuntje (Pannerden) sowie Kant(en), Kantestöck (Winnekedonk, Hochmoor, Anholt). Mik, das wir schon aus vorherigen Karten (Brot, Weißbrot) in den Bedeutungen 'Brot' bzw. 'Weißbrot' kennen, wurde bereits dort besprochen. Der wohl eher derb-scherzhafte Ausdruck kuntje, der übrigens bei der Bedeutung der Frage "Wie nennen Sie das letzte Stück eines Brotes?" mehrfach genannt wurde, ist in allen germanischen Sprachen verbreitet. Neben der Bedeutung 'weibliche Scham' hat das Wort auch die Bedeutung 'Gesäß' und von dort aus übertragen 'das hintere, letzte Stück von verschiedenen Gegenständen' (Woordenboek der Nederlandsche taal, Bd. 7,1, Sp. 1423; Berger 1953, S. 50). Kant(en), auch in der Zusammensetzung Kantestöck belegt, geht auf altfranzösisch cant in der Bedeutung 'Ecke' zurück (Kluge 1989, S. 352). Als Bezeichnung für das 'Endstück des Brotes' ist das Wort im Standardniederländischen (Woordenboek der Nederlandsche taal, Bd. 7,1, Sp. 1337f.), aber auch in den ostdeutschen Mundarten weit verbreitet, wohin es flämische Siedler bereits im 12. Jahrhundert brachten (Berger 1953, S. 57-59; Kringe 1963, S. 256; Eichhoff 1977/78, Bd. 2, Karte 57).

    Timothy Sodmann

    Literatur: