LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Niederländisch im Rheinland

Fremden fallen niederrheinische Familiennamen wie van Bebber und op de Hipt, Terstegen und Verhoeven, Laermans und Langenhuysen sofort auf. Es sind die unübersehbaren Überreste der niederländischen Sprachvergangenheit dieser Region. Auch Namen wie Meurs oder Geurts gehören zu diesen Sprachzeugen, sie werden wie im Niederländischen ausgesprochen, also genau so wie Moers und Görtz. In Laermans hat sich, wie in Straelen und Kevelaer, die ursprüngliche, die niederländische Artikulation erhalten. Erst im 19. Jahrhundert verschwand das Niederländische auf der preußischen Seite der Grenze endgültig, aus den Schulen, aus den Kirchen, aus dem Alltag. Die meisten Niederrheiner und Niederrheinerinnen wissen aber noch heute um die besondere Sprachvergangenheit dieses Raumes, an die auch ihre Dialekte noch erinnern.

Der heutige Niederrhein und das benachbarte niederländische Grenzgebiet bilden im Mittelalter den östlichen Rand des niederländischen Sprachraumes. Am Niederrhein benutzt man im 14. und 15. Jahrhundert eine mittelniederländische Schreibsprache, die zwischen der IJssel im Norden und Duisburg und Venlo im Süden wieder differiert. In der Jahresrechnung der St. Willibrordi-Kirche in Wesel findet man für das Jahr 1478 folgende Ausgabeposten:

den Straitmeker ind synen geselle die den steenwech vpten kerchaue maickten ind Daem Laichues die den steen sant ind die erde umb den kerchoff vuerden kosten tsamen 6 m 6 s
den Dodengreuer die eerde to deylen gegeuen 6 s
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Der Straßenmacher (Straitmeker) und der Totengräber (Dodengrever) erhielten also Geld für ihre Arbeiten. Kennzeichnend für die Sprache dieser Zeit sind u. a. die Schreibungen Straitmeker, maikten 'machten' und Laichues: Das nachgestellte i (ai) diente als Längenzeichen. Im damaligen Vornamen Daem (zu Adam) begegnet das ae wie im heutigen Familiennamen Laermans oder im Ortsnamen Kevelaer.

Seit dem 16. Jahrhundert wird diese einheimische und damit dem örtlichen Dialekt näherstehende Schreibsprache dann zunehmend durch schriftsprachliche Vorbilder ersetzt, die "importiert" werden. Das Gebiet des heutigen Niederrheins gerät dabei sowohl unter westlichen ("niederländischen") als auch südöstlichen ("hochdeutschen") Einfluss. Ähnliche Entwicklungen vollziehen sich in dieser Zeit überall in Deutschland und in den Niederlanden; es ist die Periode der sich herausbildenden Schriftsprachen Niederländisch und Deutsch, die die alten kleinräumigen Schreibsprachen verdrängen. Spannend wird die Sprachgeschichte des Niederrheins deshalb, weil es hier zu dieser doppelten Orientierung und zur Übernahme gleich zweier Sprachen kommt. In vielen niederrheinischen Schriftstücken des 16. und 17. Jahrhunderts vermischen sich beide Sprachen; diese Mischtexte können geradezu als Kennzeichen dieser sprachgeschichtlichen Periode gelten.

Im 80-jährigen Krieg (1568–1648) lösen sich die Generalstaaten (die Niederlande) vom Reich. Dadurch wird die Grenze zwischen den drei Niederquartieren des alten Gelderlandes mit Nimwegen, Arnheim und Zutphen auf der einen Seite und dem Herzogtum Kleve auf der anderen Seite zur Staatsgrenze zwischen den Niederlanden und dem Deutschen Reich. Östlich dieser Grenze manifestiert sich der Sprachkontakt in der Folge als Nebeneinander zweier konkurrierender Schriftsprachen, des Niederländischen und des Deutschen. Im 18. Jahrhundert etablieren sich hier verschiedene Formen der Zweisprachigkeit; ausschlaggebend für die konkrete Sprachsituation in einem Ort sind seine staatliche oder territoriale Zugehörigkeit, die Konfessionsstruktur und die geographische Lage. Am Ende des 18. Jahrhunderts sind Kleve oder Geldern zweisprachige Städte, während in Moers oder Duisburg als Schriftsprache seit langem nur noch das Deutsche verwendet wird.

Die staatlich betriebene Eindeutschung des preußischen-deutschen Niederrheins im 19. Jahrhundert führt zum vorläufig letzten Umbruch in der regionalen Sprachgeschichte. Er bedeutet für alle Orte, in denen bis dahin Niederländisch oder Niederländisch + Deutsch geschrieben wurde, das endgültige Ausscheiden aus dem niederländischen Sprachraum; die bis heute bestehende Sprachgrenze zwischen Roermond-Venlo-Nimwegen und Straelen-Geldern-Kleve etabliert sich.

Die Pfarrei von Tönisberg ließ 1816 (vielleicht auch später) in Geldern einen Ablasszettel drucken. Wer hier damals an Allerheiligen oder in der Woche darauf beichtete und betete und zur Kommunion ging, erwarb einen vollen Sündenablass (Aflaat). Der Text zeigt, dass man zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch am preußisch-deutschen Niederrhein moderne Entwicklungen des Niederländischen mitmachte. So fällt die durchgängige Verwendung von aa (statt altem ae) auf: Familiennamen wie Laermans und Maes oder Ortsnamen wie Kevelaer und Straelen konservieren also einen älteren Sprachstand.

Ein besonderes Problem stellt die Terminologie dar. So werden beispielsweise spätmittelalterliche Texte vom Niederrhein "mittelniederländisch" ("Middelnederlands"), "niederrheinisch" ("Nederrijns"), "kleverländisch" ("Kleverlands") oder auch "klevisch-gelderländisch" ("Cleefs-Gelders") genannt. Um mit dem Mittelniederländischen zu beginnen: Dieser Begriff dient als Bezeichnung einer Periode, die zwischen dem Altniederländischen des frühen Mittelalters und der im 16. Jahrhundert anbrechenden Epoche sprachlicher Neuerungen angesiedelt ist. Im Mittelalter gab es allerdings noch keine Einheitsschriftsprache moderner Prägung, so dass der Begriff Mittelniederländisch – wie auch Mittelhochdeutsch – lediglich als Sammelbegriff zu verstehen ist: Er ermöglicht die Zusammenfassung verschiedener regionaler Schreibsprachen. Das Flämische, Brabantische oder Holländische gehören hierher wie auch die Sprache des Raumes Nimwegen-Kleve-Geldern-Venlo-Duisburg, die man "Niederrheinisch" ("Nederrijns") nennen könnte.

Die Menschen im niederländischen Sprachraum bezeichneten ihre Sprache im Mittelalter als duutsch oder duytsch; das Niederländische wurde von seinen Sprechern später lange auch Nederduytsch genannt, so dass eine niederländische Grammatik im Jahr 1584 durchaus den Titel "Twe-spraack vande Nederduitsche Letterkunst" bekommen konnte. Aus der Übereinstimmung mit dem deutschen Wort Niederdeutsch sollte jedoch niemand den verkehrten Schluss ziehen, "Niederdeutsch" sei eine geeignete Bezeichnung für die früher am Niederrhein benutzte niederländische Schreibsprache; "Niederdeutsch" (der sich östlich anschließende Sprachraum) und "Niederländisch" sollten nicht verquirlt werden.

Die Dialekte des Niederrheins und des übrigen Rheinlands, gerade der Regionen im Westen, haben vieles mit den niederländischen Dialekten jenseits der heutigen Staatsgrenze gemein. Das ist dem Austausch von Wörtern, Formen, Lauten und Wendungen über die Jahrhunderte hinweg zu verdanken. Wer sich etwa für die Etymologie der Wörter interessiert, wird oft in niederländischen Nachschlagewerken fündig. Man denke an Wörter wie Papp, Pier oder Pusspass. Papp 'Brei, dicke Suppe, Kleister' geht ursprünglich aufs Lateinische zurück und hat dann im niederländischen Sprachraum die Bedeutungen entwickelt, die sich heute noch im Rheinland finden. Pier 'Wurm' ist im Niederländischen erstmals um 1410 belegt, es stammt wohl aus der Picardie. Als Pusspass bezeichnet man mancherorts im Rheinland ein Kompott aus verschiedenen Obstsorten. Im Niederländischen taucht das Wort 1676 zum ersten Mal schriftlich auf, es bedeutete anfangs 'Eintopfgericht'. Nicht zu vergessen das im Rheinland entlang der niederländischen Grenze gebräuchliche Fitz 'Fahrrad', das mit niederländisch fiets identisch ist. Fitz (zumeist die F., aber auch der F.) ist in den Grenzregionen heute nicht nur im Dialekt, sondern auch in der regionalen Umgangssprache (dem Regiolekt) gebräuchlich.

Die deutsch-niederländische Staatsgrenze ist jünger als die Dialektgrenzen an Rhein und Maas – die politische Grenze durchschneidet alte Dialekträume. Dies ist auf der Karte "Limburgisch-rheinländische Dialekte" gut zu erkennen. Kleverländische, südniederfränkische und ripuarische Dialekte werden jeweils beiderseits der Grenze gesprochen. In historischer Perspektive sind die am Niederrhein beheimateten Dialekte nördlich der Benrather Linie niederländische Dialekte.

Die alte Verwandtschaft der Dialekte an Maas und Rhein zeigt sich besonders deutlich in Grenznähe, gerade dort, wo deutsch-niederländische Nachbarorte zu finden sind, die bis 1815 eine gemeinsame Geschichte hatten. Die alte Sprachverwandtschaft und das heutige Auseinanderwachsen der Dialekte entlang der Staatsgrenze sind Themen der Grenzdialektologie. Ihre Methoden sind vergleichend-grenzüberschreitend.

Georg Cornelissen

Literatur

  • Georg Cornelissen: Kleine niederrheinische Sprachgeschichte (1300–1900). Eine regionale Sprachgeschichte für das deutsch-niederländische Grenzgebiet zwischen Arnheim und Krefeld. Met een Nederlandstalige inleiding. Geldern/Venray 2003.
  • Georg Cornelissen: Grensdialectologie tussen Arnhem en Aken. In: Taal en Tongval 57, 2005, S. 44-60.
  • Michael Elmentaler: Rheinmaasländische Sprachgeschichte von 1250 bis 1500. In: Jürgen Macha/Elmar Neuß/Robert Peters (Hrsg.): Rheinisch-Westfälische Sprachgeschichte. Unter Mitarbeit von Stephan Elspaß. (= Niederdeutsche Studien 46). Köln/Weimar/Wien 2000, S. 77-100.
  • Etymologiebank. [URL: http://etymologiebank.nl/].
  • Jan Goossens: Das Rhein-Maasgebiet als Gegenstand einer integrierten historischen Kultur-raumforschung. In: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift 41, 1996, S. 45-60.
  • Peter Honnen: Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr. Köln 2018.
  • Herbert Sowade (Bearb.): Kirchenrechnungen der Weseler Stadtkirche St. Willibrordi. Band I. Die Kirchenrechnungen der Jahre 1401 bis 1484. Quellenedition. Mit Verzeichnissen von Mar-tin-Wilhelm Roelen. Wesel 1993.
  • P. A. F. van Veen/Nicoline van der Sijs: Etymologisch woordenboek. De herkomst van onze woorden. Utrecht/Antwerpen 1997.

Bildnachweis

  • Ablasszettel von 1816 "Vollen Aflaat": Cornelissen 2003, S. 106.