LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Vergleiche mit 'als'/'wie': Ich bin viel größer als wie du!

Sätze, die Vergleiche wie Anne fährt mit dem Rad schneller als Thomas oder Die Pizza schmeckt hier genauso gut wie die Nudeln beinhalten, kommen in der Alltagssprache häufig vor. Im Aufbau gleichen sie sich immer: eine Person oder ein Gegenstand (Komparandum: Anne, Pizza) wird hinsichtlich einer Eigenschaft (Tertium Comparationis: schneller, gut schmecken) mit einer anderen Person/einem Gegenstand (Vergleichsgröße: Thomas, Nudeln) verglichen. Verknüpft werden das Komparandum und die Vergleichsgröße mit einem kleinen Wörtchen, der sogenannten Vergleichspartikel - und dieses kleine Wörtchen erhitzt regelmäßig die Gemüter, wie anhand zahlreicher Internetdiskussionen abzulesen ist (einfach mal nach als wie suchen). Denn wie die beiden obigen Beispiele zeigen, gibt es im Deutschen zwei Vergleichspartikeln, als und wie (bzw. drei, wenn man die Kombination als wie dazu zählt). Deren Verwendung ist in der deutschen Standardsprache eindeutig aufgeteilt:

1) als wird in Vergleichssätzen verwendet, die Ungleichheit ausdrücken (Komparativ): Mein Bruder ist größer als ich.
2) wie wird in Vergleichssätzen verwendet, die Gleichheit ausdrücken (Positiv, Äquativ): Meine Schwester ist so groß wie ich.

In der alltäglichen Umgangssprache hat sich diese klare Zweiteilung nicht überall durchgesetzt, so ist im Rheinland, ebenso wie in der gesamten Südhälfte des deutschen Sprachgebiets (vgl. die Karten Mein Bruder ist größer - ich und Vergleichspartikel nach Komparativ im AdA) im Komparativsätzen auch häufig wie zu hören: Mein Bruder is größer wie ich. Daneben findet sich, etwas seltener, auch die Variante als wie: Mein Bruder is größer als wie ich.

Wie so oft ist es auch in diesem Fall nicht so, dass von der Standardsprache abweichende Formen zustande kommen, weil die Sprecherinnen und Sprecher im Regiolekt Wörter ständig verwechseln und die Standardsprache nicht richtig beherrschen. Viel mehr kommt hier ein Einfluss der Dialekte des Rheinlandes zum Tragen: Im Ripuarischen und im Südniederfränkischen ist die Verteilung der Vergleichspartikeln nicht derart eindeutig wie in der heutigen Standardsprache, da hier zum Teil ältere Sprachstände bewahrt worden sind, teils Entwicklungen weitergeführt wurden, die das Standarddeutsche nicht mitgemacht hat. So finden sich in der Textsammlung Das Rheinische Platt zahlreiche Beispiele für die Verwendung von wie und auch für als wie bei Komparativvergleichen ('Ungleichheit'):

Där wor jo jönger wie isch. (RP 1989, S. 227, Herzogenrath-Merkstein)

Isch jlöive, et jit nix op der Äät, wat besser schmäk wie e äch kölsch Muutsemändelsche. (RP 1989, S. 270, Köln)

Dä wor nävöser als wie mär. (RP 1989, S. 239, Linnich-Kofferen)

Mit der Verwendung von wie in solchen Kontexten führen die Dialekte und die Regiolekte eine logische Veränderung in der Sprache fort, die die Standardsprache (noch) nicht mitgemacht hat: In der Sprachgeschichte des Deutschen konnte man beobachten, dass die Vergleichspartikel, die bei Vergleichen, die Gleichheit ausdrücken (Äquative) verwendet wird, jene Partikel, die bei Vergleichen, die Ungleichheit ausdrücken (Komparative) verwendet wird, ersetzt ("Komparativzyklus", Abbildung aus Jäger 2013: S. 263). So galt im Althochdeutschen (ca. 750-1050) und im folgenden Mittelhochdeutschen (ca. 1050-1350) bei Äquativen so/als(o), bei Komparativen denn. Seit dem folgenden Frühneuhochdeutschen (ca. 1350-1650) wird - wie auch noch heute - bei Äquativen wie genutzt, bei Komparativen als.

Darstellung des Komparativzyklus im Deutschen aus: Jäger 2013: S. 263

Viele Dialekte und Regiolekte sind nun einen Schritt weitergegangen und ersetzen wieder die Komparativform durch die des Äquativs, so gilt jetzt in beiden Fällen wie. Dadurch, dass sich die beiden Satzformen auch in einem weiteren Punkt unterscheiden, ist das Verständnis weiterhin gesichert: In den Sätzen, in denen Gleichheit ausgedrückt wird, steht das Adjektiv bzw. das Adverb in der (unmarkierten) Positiv-Form und wird oft durch so ergänzt: so groß wie.

Wird Ungleichheit ausgedrückt, steht das Adjektiv bzw. das Adverb in der Komparativform, die durch angehängtes -er gekennzeichnet ist: größer als/wie. Von den Sprecherinnen und Sprechern der Regionen, in denen wie als "Einheitsvergleichspartikel" verwendet wird, wird dieser Gebrauch nicht als negativ oder auffällig bewertet, wie eine Untersuchung aus Norddeutschland zeigt (Schröder 2012, S. 22).

Bei der vermeintlichen Doppelform als wie handelt es sich nicht, wie in manchen Internetforen gemutmaßt, um eine Variante für Sprecherinnen und Sprecher, die sich nicht zwischen den beiden Vergleichspartikeln entscheiden können. Das als in dieser Kombination geht auf das mittelhochdeutsche Korrelat (Partnerwort, das sich auf ein anderes Wort im Satz bezieht) also/als zurück, das 'so' bedeutete. Und da dieses Korrelat häufig in Äquativ-Sätzen, also gemeinsam mit wie, vorkam (und heute noch vorkommt), wurden sie gemeinsam zu einer neuen, festen Einheit zusammengefügt, d. h. grammatikalisiert. Im 17. und 18. Jahrhundert war die Vergleichspartikel sehr verbreitet, wie an dem in diesem Kontext gern genannten Zitat Goethes zu erkennen ist: Da steh' ich nun, ich armer Thor. Und bin so klug als wie zuvor (J. W. von Goethe, Faust I).

Heute wird als wie in einigen Regionen des deutschen Sprachgebiets in der Alltagssprache verwendet und zwar sowohl für Komparativ- als auch für Äquativvergleiche. Und sie taucht sogar geschrieben in Zeitungen auf, so zitiert grammis, das Grammatische Informationssystem des Instituts für Deutsche Sprache, zwei Zeitungen:

Das Problem: Reißt die Kühlkette, vermehren sich die Krankheitserreger explosionsartig - schneller als wie die Karnickel. (die tageszeitung, 29.02.2000, S. 24)
Auch an diesem stillen Ort möchte wohl nicht ein jeder so gleich als wie der andere sein. (Berliner Zeitung, 12.07.2001, S. 25)

Charlotte Rein

Literatur: