LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
Logo LVR

Ruhrdeutsch

Ruhrdeutsch, Pöttisch, Ruhrgebietssprache, Kohlenpottslang - so vielfältig wie die Bezeichnungen für die Alltagssprache des Ruhrgebiets sind, so bunt sind auch die Geschichten und Mythen, die zur Erklärung ihrer Herkunft und ihrer Gestalt herangezogen wurden. Doch in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist die regionale Sprache des Ruhrgebiets vermehrt untersucht worden, so dass die Sprachwissenschaft heute die Entstehung und die Besonderheiten dieser Sprachform recht gut erklären kann.

Ehemalige Dialekte des Ruhrgebiets: grün = Niederfränkisch, blau = Westfälisch

Zurückverfolgen lässt sich das Ruhrdeutsche bis zum Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts und damit in die Epoche der Industrialisierung. In dieser Zeit erfuhr der Bergbau im Ruhrgebiet einen großen Aufschwung und die Region wurde zu einem industriellen Zentrum. Die zusätzlich benötigten Arbeitskräfte (und ihre Familien) kamen sowohl aus unterschiedlichen Regionen des deutschen Sprachraums als auch aus anderen Ländern und brachten andere Dialekte und fremde Sprachen mit. Alltagssprache im Revier waren bis zu dieser Zeit noch überwiegend die heimischen Mundarten gewesen, niederrheinische (niederfränkische) Dialekte im Westen (z. B. Duisburg, Oberhausen) und westfälische Dialekte im Osten (z. B. Bochum, Dortmund). Mit den neuen Kollegen funktionierten diese aber als Kommunikationsmittel unter Tage oder am Hochofen nicht mehr, so dass eine neue Sprachform "geschaffen" werden musste, die alle verstanden und beherrschten. So entstand eine Sprechweise, die auf dem Hochdeutschen basiert, jedoch insbesondere in der Lautung und in der Grammatik stark von den niederrheinischen und westfälischen Dialekten geprägt ist.

Daher kann das heutige Ruhrdeutsch auch treffender als Regiolekt denn als Dialekt bezeichnet werden: Es handelt sich um eine ans Hochdeutsche angelehnte Sprachform, die Elemente der alten Dialekte enthält, ebenso neue Charakteristika, die weder im Dialekt noch in der Standardsprache zu finden sind. Ruhrdeutsch ist also die Bezeichnung für den Regiolekt des Ruhrgebiets. Und das klingt ungefähr so:

Und as där Stefan dann den Unfall hatt, da duffta ja sein Beruf nimähr ausübm, nä, wudda ärsma abbeitslos. Un wie a dann umgeschult hat, wara imma no onne Aabeit. Dammas hamwa no die Wohnung auf Geibelstraße gehappt, un da habbich dann gesacht: „Du, hömma, et geht nich! Ich vadien nur tausend Maak, un ich kann dat nicht allein bezahln“, un so. Aber da hatta sich imma nonnich so richtig wat von angenomm, nä.
Un da bin ich nachhär hingegang: „Weiße war, Stefan?, ich pack meine Sachn un geh!“ Un da waa ich wikklich ma ne Nacht untn bei’e Gabi. Dat wußte där abba nich. Un dann andern Tach stanta vorm Laden, meinta: „Ja, wo waaße denn?“, un so. Mein ich: „Hömma, Stefan, wenne jetz nich endlich wat suchs, dann is echt Feieraamd!“ Un da is där anem säbm Tach no los, nä, un hat am säbm Tach no wat gehappt. Da hatta mir en Vatrach gezeich, wara ganz stolz, un so. Un von da an, nä, toi, toi, toi, hatta auch Spass dran. (aus Mihm 1989, S. 70)

Der Text aus dem Jahr 1989 stammt von einer 20-jährigen Boutique-Verkäuferin, die nördlich der Ruhr aufgewachsen ist. Darin tauchen zahlreiche Merkmale auf, die typisch für das Ruhrdeutsche sind. So etwa die Verwendung von ch statt 'g' und 'k' im In- und Auslaut: gesacht, Tach, Vertrach (statt 'gesagt', 'Tag' und 'Vertrag') oder der Gebrauch von t statt 's' bei dat, wat und et ('das', 'was', 'es'). In vielen Fällen werden Vokale kürzer ausgesprochen als im Hochdeutschen: Spass, duffta, wudda, onne ('Spaß', 'durfte er', 'wurde er', 'ohne'). Häufig fallen Laute auch ganz aus, gerade am Wortende: hatt, no, un, nich, angenomm, säbm ('hatte', 'noch', 'und', 'nicht', 'angenommen', 'selben'). Als typisch für diesen Regiolekt werden von vielen Hörer die sogenannten Kontraktionen und Klitisierungen (Zusammenziehungen) wahrgenommen: duffta ('durfte er'), hamwa ('haben wir'), hömma ('hör mal'). Auffällig ist außerdem die Verwendung von unflektierten Personalpronomen: sein Beruf ('seinen').

Ein weiteres Merkmal, dass bei Sprechern aus dem Ruhrgebiet häufig auffällt, ist die vermeintliche Vertauschung von Akkusativ und Dativ: Gib mich die Butter kann es hier heißen. Hier ist es keineswegs so, dass die Ruhrgebietsbewohner das viergliedrige hochdeutsche Kasussystem (Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ) nicht beherrschen, sondern dass die Akkusativ- und Dativformen in den niederdeutschen Dialekten gleichlauten. Und das Ruhrdeutsche hat diese Eigenschaft von ihnen übernommen. Gleiches gilt für die Mehrzahlform auf -s: Kinners ('Kinder'), Butters ('Butterbrote'); auch sie hat ihren Ursprung im Dialekt. Dialektbedingt sind häufig auch Unterschiede, die sich innerhalb des Ruhrdeutschen zeigen: So wird im Westen des Ruhrgebiets (Essen, Gelsenkirchen) oft ne an einen Satz gehängt, im Osten eher wol (Dortmund, Unna): Du denks an et Einkaufen, ne/wol? Diese kleinen Wörtchen nennen sich 'Rückversicherungspartikeln', man verwendet sie, um sicherzustellen, dass der Gesprächspartner auch aufmerksam zuhört.

All diese Phänomene sind nicht exklusiv ruhrdeutsch, sie kommen auch in anderen Dialekten und Regiolekten vor. Erst durch die Kombination miteinander ergibt sich der "typische Klang" des Ruhrgebiets.

Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass auch die Sprachen der Migranten einen großen Einfluss auf die neue Alltagssprache hatten, allen voran das Polnische. Dass dies nicht zutrifft, wurde inzwischen an vielen Stellen belegt. So sind die Zahlen der polnischen Zuwanderer zum einen gar nicht so hoch, wie oft behauptet (1914: 450.000, Mihm 1989, S. 74), zum anderen handelt es sich bei den aus Polen (bzw. Preußen) Eingewanderten um Angehöriger ganz unterschiedlicher Provinzen, die verschiedene Dialekte/Sprachen (Polnisch, Masurisch) sprachen, zum Teil auch schon in ihrer Heimat mit dem Deutschen in Berührung gekommen waren und die nicht den gleichen Konfessionen angehörten. Sie hatten zumeist kein hohes Ansehen an ihren neuen Wohnorten, ein Grund mehr, der gegen eine Übernahme von Wörtern und Ausdrücken aus ihren Sprachen spricht. Denn entlehnt wird gern aus Sprachen mit hohem Prestige, nicht aus denen, über die gelacht wird und deren Sprecher sich in vielen Fällen genötigt sahen, ihre Nachnamen der deutschen Sprache anzupassen, um so den Spott ihrer Mitmenschen zu umgehen (z. B. Maciejewski > Matthöfer oder Andryszak > Andres; vgl. Menge 2013, S. 27-33). Und anders als in vielen heutigen Migrantenfamilien haben bereits die ersten Einwanderer, die aus den Masuren, Posen oder Oberschlesien stammten, ihre Muttersprache oft nicht mehr an ihre Kinder weitergegeben: "Schon 1903 beklagt ein katholischer Geistlicher, daß die Hälfte der in Westfalen geborenen Immigrantenkinder dem Katechismusunterricht in polnischer Sprache schon nicht mehr richtig folgen könne" (Mihm 1989, S. 75).

So können im heutigen Ruhrdeutschen auch nur noch zwei polnische Wörter ausgemacht werden, die in der Alltagssprache gebraucht werden, beziehungsweise deren Bedeutung noch bekannt sind: Mottek 'Hammer' und Matka 'Mutter'; wobei Matka eher mit negativer Bedeutung einen besonderen Typ älterer Frau bezeichnet. Selbst das häufig als typisch polnisches Ruhrgebietswort bezeichnete Kumpel hat eigentlich französische Wurzeln und ist erst über das Ruhrdeutsche in die polnische Sprache gelangt.

Eine - späte - Reminiszenz an das Polnische findet sich in der heutigen Alltagssprache des Ruhrgebiets dann aber doch noch: Hier tauchen vergleichsweise viele Wörter mit der Endung -ek auf, die es in anderen deutschen Regiolekten nicht gibt: Schirrek ('Schiedsrichter'), Fusek ('Fußball') oder Bierek ('Bierglas'). Sie sind alle nach dem Vorbild Mottek gebildet - um echte Entlehnungen handelt es sich dabei aber nicht, vielmehr um Sprachspielereien, die der Sprache der Region einen exklusiven oder exotischen Klang geben sollen (Honnen 2018, S. 439).

Sprachen, aus denen dahingegen viele Wörter im Ruhrdeutsche zu finden sind, sind das Jiddische und das Rotwelsche: Hierher stammt zum Beispiel das ruhrdeutsche 'Kennwort' Maloche ('Arbeit'). Sie hatten zwar auch Einfluss auf die allgemeine Umgangssprache in Deutschland (Kohldampf, Knast, betucht, schnorren), doch im Ruhrdeutschen haben sich daneben weitere Begriffe aus den Geheimsprachen und der jiddischen Händlersprache erhalten, die man woanders nicht mehr kennt: dibbern, dat wat ine Luft liecht ('etw. erahnen, spüren'), en töfften Scheez anziehen ('Sonntagsstaat anlegen'), Katzof ('Metzger') und Keilof ('Hund').

Natürlich spricht nicht jeder Bewohner des Ruhrgebiets gleich - je nach Alter, Wohnort, Beruf und Gesprächssituation klingt die Sprache mal so und mal so. Insgesamt ist das Ruhrdeutsche eine spannende Sprachform, die durch unterschiedliche Einflüsse geprägt und durch die Fantasie der Sprecher lebendig ist und ständigem Wandel unterliegt.

Charlotte Rein

Literatur:

Bildnachweis: