LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Neusser Hochdeutsch

Wie wird es ausgesprochen? - Eine Stichprobe

Liegt die Schule oder das Studium erst einmal hinter ihnen, geraten viele Menschen nur noch selten in die Verlegenheit, einen Text laut vorlesen zu müssen. Für Lehrer oder Rechtanwältinnen mag der Vortrag eines geschriebenen Textes zum Alltag gehören, in vielen Berufen ist diese Fertigkeit nicht gefragt. Und doch gehört das Lesehochdeutsch heute zu den Sprachproben, die Linguisten und Linguistinnen sammeln, um das Hochdeutsche in all seinen lokalen und regionalen Varianten beschreiben zu können (siehe z. B. Elmentaler und andere 2006). Die Rheinische Landeskunde hat im Sommer 2008 entsprechende Tonaufnahmen in Neuss gemacht.

Bei diesem Projekt machten insgesamt 29 Personen verschiedenen Alters mit. Ihnen wurde ein hochdeutscher Text mit der Bitte vorgelegt, ihn laut vorzulesen. Vor ihnen stand dabei ein Mikrofon, das zu einem digitalen Aufnahmegerät gehört. Ob jede Gewährsperson in diesem Moment versucht hat, ihr "Höchstdeutsch" zu sprechen, lässt sich nicht genau sagen. Die meisten empfanden das ganze Arrangement jedoch als eine eher "offizielle" Situation, zu der das Mikrofon und die (in den meisten Fällen gegebene) Fremdheit der Aufnahmeleiterin beitrugen. Die Aufnahmen wurde von Sonja Klaverkamp, Praktikantin in der Rheinischen Landeskunde, gemacht.

Tranchot und v. Müffling Karte Neuss 1805 (Ausschnitt)

Der erste Abschnitt des insgesamt etwa eine A-4-Seite langen Textes lautete:
"Heute war Gerds letzter Arbeitstag. Der Wecker schellte wie immer um 20 nach 6. Er ging ins Bad, rasierte sich und saß 20 Minuten später am Frühstückstisch. Seit ewig und drei Tagen gab es morgens bei ihm Müsli mit Milch und Obst: manchmal mit Äpfeln, oft mit Birnen oder Pfirsichen. Dazu trank er Tee, heute Pfefferminztee".

Im Folgenden wollen wir erste Ergebnisse einer kleinen Stichprobe vorstellen. Es handelt sich um die Auswertung von 15 Gewährsleuten im Alter von 16 bis 23 Jahren. Bei der Suche der jungen Gewährsleute haben uns das Nelly-Sachs-Gymnasium und das Berufskolleg für Wirtschaft und Informatik an der Weingartstraße in Neuss unterstützt. Alle "Vorleser" sind gebürtige Neusser und Neusserinnen ohne Migrationshintergrund. Sie bezeichneten sich als Nichtdialektsprecher, was auch nicht anders zu erwarten war (siehe Cornelissen 2008).

Wie sprechen die jungen Leute Wörter wie zwanzig, ewig oder manchmal aus? "Koronalisieren" sie? Das sind die beiden Fragen, um die es nun geht. Es dreht sich also um die Artikulation des ich-Lautes, der im Rheinland oft anders ausgesprochen wird, als dies in der Schule und in Aussprachewörterbüchern vermittelt wird. Im Rheinland ist häufig die "Koronalisierung" dieses Lautes zu hören. Als Koronalisierung bezeichnet man die Aussprache des ich-Lauts als sch oder als ein dem sch ähnlicher Laut zwischen ch und sch (siehe Herrgen 1986, S. 1). Es ist ein sprachliches Merkmal, das im Rheinland typisch für viele Regionen (aber nicht für alle) ist. Aus manchmal wird dann schon mal manschmal gemacht, sich rasieren wird zu sisch rasieren. In der Vergangenheit wurde das Phänomen vor allem bei Dialektsprechern untersucht (siehe z. B. Macha 1991, Bhatt/Lindlar 1998).

Im ersten Abschnitt des Textes (siehe o.) waren folgende Belegwörter versteckt: 20 (zwanzig), ewig, Milch, manchmal und Pfirsichen; das Zahlwort 20 kam dabei gleich zweimal vor. Es waren also sieben Belegstellen für jeden Sprecher heranzuziehen.

Vier der 15 Sprecher koronalisierten nie. Sie sprachen zwanzig also als zwanzich und Milch als Milch aus. Innerhalb der elf übrigen Gewährspersonen ließen sich zwei Gruppen bilden. Zu der einen Gruppe gehörten vier Informanten, die durchweg oder fast immer koronalisierten. Bei den übrigen sieben Vorlesenden war jeweils einmal oder zweimal ein koronalisierter ich-Laut zu hören. Auch wenn es sich hier nur um eine kleine Stichprobe handelt: Es hat den Anschein, dass man innerhalb der Stadt Neuss mit einer starken Varianz bei der Aussprache von Wörtern wie zwanzig, Milch oder Pfirsich zu rechnen hat.

Interessant ist auch, dass es offenbar Wörter gibt, die eher koronalisiert ausgesprochen werden als andere. Manchmal war hier der absolute Spitzenreiter, elf von 15 Personen sprachen dieses Wort koronalisiert aus. Danach folgen mit größerem Abstand Milch (fünf Koronalisierungen), 20, Pfirsichen und die zweite 20 (jeweils vier Koronalisierungen) sowie sich (drei Koronalisierungen). Nur in ewig war nie ein koronalisierter Laut zu hören (siehe u.). Dass die Sprecher bei manchmal so stark zu manschmal (oder ähnlich) tendieren, wird seinen Grund in der Lautstruktur des Worters haben. Wer von Hause aus zur Koronalisierung neigt, hat es bei manchmal besonders schwer, hier die von der standardsprachlichen Phonetik geforderte Aussprache zu realisieren.

Ein anderes sprachliches Phänomen, das mit der Koronalisierung zusammenhängt, ist die "Hyperkorrektur". Sie beschreibt die Aussprache eines sch als ch oder als Zwischenlaut zwischen beiden, zum Beispiel bei Tich oder Fich. Grund dafür ist oft, dass der Sprecher, der sich der ganzen Problematik im Bereich von ch und sch bewusst ist, 'Fehler' vermeiden will und dabei zuviel des Guten tut. Er macht dann aus Fisch mit seinem im Hochdeutschen richtigen sch einen Fich. Im ersten Textabschnitt (siehe o.) waren "schellte" und "Frühstückstisch" enthalten; aus dem letzten Abschnitt des Vorlesetextes haben wir noch "frisch" und "Fisch" in die folgende Auswertung einbezogen.

Drei Gewährspersonen traten mit Lautungen wie frich oder Fich (bzw. mit Zwischenformen zwischen ch und sch) in Erscheinung. Nur bei "schellte" war stets der "richtige" Laut zu hören. Diese drei Vorlesenden gehörten zur Gruppe der stark Koronalisierenden, während in den beiden anderen Gruppen nichts auffälliges zu hören war. Dieses Ergebnis, auf einer noch schmalen Materialbasis beruhend, kam überraschend. Denn anderswo waren es gerade die Jugendlichen, die dem gesprochenen Hochdeutsch näher kamen als ihre Altersgenossen, die durch Hyperkorrekturen auffielen (siehe Lenz 2004, S. 213 für Wittlich).

Interessante Ergebnisse ergaben sich auch bei dem kleinen, unscheinbaren Wörtchen "ewig". Nach den Ausspracheregeln des Standarddeutschen spricht es sich ewich aus, wie alle Wörter, deren Schreibvariante auf -ig endet. Dies sahen die jungen Neusser Gewährspersonen, zumindest im Lesetext, jedoch anders. Elf Personen lasen das Wort in der Lautung ewik vor, nur vier Personen sagten ewich (nie koronalisiert). Dies erscheint auf den ersten Blick merkwürdig, da die jungen Leute, zu welcher Koronalisierungsgruppe sie auch gehören mögen, im Supermarkt an der Kasse kaum "das dauert ja ewik!" stöhnen würden. Gestützt wird diese Vermutung dadurch, dass alle Personen die im Text mit Ziffern geschriebene 20 als zwanzich/zwanzisch realisierten, niemand sagte zwanzik.

Des Rätsels Lösung wird wohl in der Schreibung des Wortes ewig liegen. Haben wir doch gelernt, dass ein geschriebenes -g im Auslaut eines Wortes als k realisiert wird, wie bei Durchzug, Freitag oder Umweg. Da liegt es nahe, dass sich beim Vorlesen eines schriftlich fixierten ewig oder fertig k-Aussprachen hereinmogeln und das die Ausnahmeregel, die für die Endsilbe -ig gilt, außer Kraft gesetzt wird.

Festzuhalten ist, dass sowohl alle stark koronalisierenden Sprecher ewik sagen als auch drei der vier Sprecher aus der Gruppe ohne Koronalisierungsphänomene.

Georg Cornelissen und Sonja Klaverkamp

Literatur:

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