LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Eupener Jugendsprache

Befragungsergebnisse aus dem Jahr 2008

Haus Grand Ry, Regierungssitz der Deutschsprachigen Gemeinschaft, Eupen Haus Grand Ry, Regierungssitz der Deutschsprachigen Gemeinschaft, Eupen

"Spricht die Jugend eine andere Sprache?" Mit dieser Preisfrage wandte sich die Akademie für Sprache und Dichtung 1982 an die Öffentlichkeit. Dass die Antwort "Ja" lauten muss, hat seitdem eine Vielzahl sprachwissenschaftlicher Veröffentlichungen gezeigt (siehe z. B. Dürscheid/Spitzmüller 2006). Zu den sprachlichen Spielmitteln, die junge Leute gern nutzen, um sich von den Älteren abzusetzen, gehören Anglizismen oder Amerikanismen. In Eupen kommen die Französismen hinzu.

Eupen ist die Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) Belgiens, die im Westen an das Rheinland angrenzt. Amtssprache im Gebiet der DG ist das Deutsche. Allerdings ist man dort mit dem Französischen sehr gut vertraut, so dass sich das in Eupen gesprochene und geschriebene Deutsch in auffälliger Weise vom Deutschen jenseits der Staatsgrenze unterscheidet (siehe z. B. Brüll 1995). Die Eupener und Eupenerinnen machen in unterschiedlicher Form von französischen Lehnwörtern Gebrauch. Wenn etwa vom Verb afonieren die Rede ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass hier ein junger Mensch spricht. Ältere Einwohner der Stadt sagen eher auf ex trinken.

Junge Eupener und Eupenerinnen sprechen wohl nur noch selten Dialekt (siehe Riehl 2007). Dagegen trifft man bei älteren Menschen noch häufiger auf Kenntnisse dieser Sprachform, die eng mit den Dialekten auf der deutschen Seite der Grenze verwandt ist (siehe Welter 1938). Manche Dialektwörter werden auch im Eupener Alltagsdeutsch benutzt, etwa pramen, ein Verb, das andeutet, dass ein Kleidungsstück zu eng ist (Dat Kleid pramt). Älteren Menschen in Eupen ist dieses Wort noch gut bekannt, während jüngere es oft schon nicht mehr kennen, geschweige denn verwenden.

Das zeigte sich bei einer Befragung des ILR zur deutschen Alltagssprache in Eupen. Die fragebuchgesteuerten Interviews führte Sandra Weber im Juni/Juli 2008 im Rahmen eines Praktikums in der landeskundlichen Sprachabteilung durch. Es wurde nach bestimmten Wörtern und Ausdrücken und auch nach dem Wortgeschlecht bestimmter Substantive gefragt. Einbezogen wurden 15 Gewährspersonen im Alter zwischen 17 und 25 Jahren und 15 Personen, die 60 Jahre und älter waren. Die Gewährsleute gaben jeweils Auskunft über die eigene Kenntnis und über den eigenen Sprachgebrauch im Alltag. Während des Interviews wurde zunächst offen gefragt (z. B.: "Wie nennen Sie das Frischkäseprodukt, mit dem z. B. Käsekuchen gemacht wird?"). Nachdem die Antworten des Informanten dann notiert waren, wurden gezielte Nachfragen gestellt (z. B.: "Kennen/Benutzen Sie Makei?").

Welche Entsprechungen im Dialekt von Eupen zu erwarten wären, danach wurden fünf Dialektsprecher gefragt. Alle Gewährspersonen stammten aus Eupen und/oder hatten einen Großteil ihres Lebens in Eupen verbracht.

Bei vielen der insgesamt 48 Fragen fielen die Antworten der beiden Altersgruppen recht unterschiedlich aus. Besonders frappant waren die generationenabhängigen Differenzen u. a. bei den Fragen 26 und 28.

Frage 26

Frage 26: "Im Geschäft probiert eine Frau mit Kleidergröße 44 ein Kleid in Größe 42 an. Als sie aus der Kabine kommt, sagt sie: 'Nä, dat ___'."

Bei dieser Frage gab es zwischen den beiden Altersgruppen kaum Übereinstimmungen, abgesehen von den Fällen, in denen Gewährspersonen kein spezifischer Begriff einfiel und sie den Satz einfach mit passt nicht ergänzten.

Nach der ersten spontanen Antwort wurde jede Gewährsperson nach der Kenntnis und der Benutzung des Wortes pramen gefragt, eines alten Wortes, das seine Wurzeln im Dialekt hat und das in der Lautung pramme zum Wortschatz des Eupener Platt gehört (Tonnar/Evers 1899, S. 147). Pram ist ein dialektales Wort für eine Klemme (Tonnar/Evers S. 147, RhWb, Bd. 6, S. 1068), pram(m)en bedeutet also 'etwas fest anziehen', 'zusammendrücken', was sich auch auf Kleidung beziehen kann. Das Wort ist in den Dialekten des Rheinlandes weit verbreitet.

Allen Gewährspersonen der älteren Altersgruppe war eine der beiden Lautvarianten bekannt, wobei die Form pramen deutlich häufiger vorkam (11mal; dagegen 4mal prammen). 11 der 15 Personen gaben an, das Wort selbst zu benutzen. Offensichtlich hat pramen/prammen den Sprung vom Dialektwort in den Wortschatz der Eupener Alltagssprache zu einem gewissen Zeitpunkt erfolgreich bewältigt. Völlig anders fiel das Ergebnis für die jungen Leute aus. Nur eine einzige der 15 Gewährsperonen gab an, das Wort pram(m)en überhaupt zu kennen, sie benutzte es nach eigenen Angaben aber selbst nicht. (Interessant ist, das diese Gewährsperson zwar in ihrer Familie sehr oft Eupener Platt hört, das Wort aber nur von einer anderen, 26jährigen Person kennt, die in ihrem Leben nie besonders viel Kontakt zum Eupener Platt hatte). Pramen bzw. prammen ist also offensichtlich so gut wie vollständig aus dem Wortschatz der Jugend verschwunden.

Aus den Spontannennungen der jungen Altersgruppe ging ein weiteres erstaunliches Ergebnis hervor. Acht der 15 Personen ergänzten den Satz spontan mit pratscht, einer Nennung, die bei den älteren Leuten gar nicht vorkam. Zwei weitere junge Gewährspersonen ergänzten die lautlich ähnlichen Varianten prutscht und bratscht. Dagegen fiel den fünf übrigen keine einschlägige Bezeichnung ein. Geht man von den zehn Belegen aus, scheint sich pratschen also als Teil der Eupener Jugendsprache abzuzeichnen. Bemerkenswert ist der Umstand, dass pratschen/prutschen/bratschen wie pram(m)en alte Dialektwörter sind, die offensichtlich ihren Weg in die hochdeutsche Alltagssprache gefunden haben. Doch während pram(m)en vergessen wurde, ist pratschen bei Jugendlichen bestens bekannt - wenn auch in abgewandelter Bedeutung.

In dem alten Dialektwörterbuch von Tonnar/Evers finden wir für den Eupener Dialekt Pratsch als Bezeichnung für 'Matsch' (Tonnar/Evers 1899, S. 147). Im Aachener Wörterbuch und im großen "Rheinischen Wörterbuch" hat prat(t)schen die Bedeutung 'im Matsch gehen' (Hermanns 1970, S. 450; RhWb, Bd. 6, S. 1075). Wir finden aber auch prut(t)schen für 'hervorquillen' und 'hervorquillen beim Pressen einer weichen Masse' (Hermanns 1970, S. 454; RhWb, Bd. 6, S. 1151). Im Dialektlexikon für das ostbelgische Gemmenich sind pratsch mit der Bedeutung 'dickes Weib' und prutsch als 'Matsch' verzeichnet (Aldenhoff/Gerrekens/Straet 2003, S. 202, S.204); Hermanns führt für Aachen Braatsch als 'unförmliches Gebilde' (Hermanns 1970, S. 75). All diese Bezeichnungen haben etwas zu tun mit einer weichen unförmigen Masse, die hervorquillt, wenn man sie drückt (ähnlich wie Matsch), und so kann man sich auch vorstellen, sie für ein zu enges Kleidungsstück, das das Fleisch des Trägers hervorquillen lässt, zu benutzen.

Während also auf der einen Seite ein altes Dialektwort in der Alltagssprache verloren zu gehen scheint (pramen/prammen), ist ein anderes mit Bedeutungserweiterung oder Bedeutungsverschiebung noch quicklebendig. Ungeklärt bleiben muss die Frage, ob die ältere Altersgruppe pratschen in derselben Bedeutung kennt, da nicht gesondert nachgefragt wurde. Ob also pratschen tatsächlich als rein jugendsprachliches Wort einzustufen ist, muss hier offen bleiben.

Frage 28

Frage 28: "Welche Ausdrücke benutzen Sie für 'ein Glas in einem Zug leeren'?"

Die Ergebnisse, die bei dieser Frage sichtbar wurden, überraschen womöglich noch mehr als die Resultate zur Frage 26. Nach den Spontannennungen fragten wir die Gewährsleute gezielt nach Kenntnis und Verwendung der drei Begriffe exen, afonieren und einen Afond machen.

Auffällig war, dass nur etwa der Hälfte der älteren Personen (sieben von 15) spontan überhaupt ein passendes Wort oder ein passender Ausdruck einfiel. Über die Ursache dafür darf spekuliert werden. (Feiert diese Altersgruppe weniger? Trinkt sie "gesitteter" als die Jugend?) Von den im Fragebuch angebotenen Begriffen wurde exen immerhin zweimal für den eigenen Sprachgebrauch bestätigt, zwei weiteren Personen war exen zumindest bekannt. Die beiden anderen von der Interviewerin genannten Bezeichnungen, afonieren und einen Afond machen, waren allen 15 Befragten dieser Gruppe fremd. Dagegen kannten 13 von ihnen den Ausdruck (auf) ex trinken; vier nannten ihn spontan, die anderen brachten ihn ins Spiel, als sie nach exen gefragt wurden. (Auf) ex trinken (von lateinisch ex: 'aus') ist eine alte Wendung, die auch in standardsprachlichen Wörterbüchern verzeichnet ist (siehe z. B. Wahrig 2000, S. 445).

Ein vollkommen anderes Bild ergab die Auswertung für die jungen Eupener und Eupenerinnen. Allen Gewährspersonen dieser Gruppe fiel zu unserer Frage spontan etwas ein, und zwar zumeist die im Fragebuch als Nachfragen vorgesehenen Bezeichnungen. So kannten alle Jugendlichen exen in der Bedeutung 'in einem Zug leer trinken'. Das Verb exen scheint eine Folgebildung zu auf ex trinken zu sein und in dieser Bedeutung vorwiegend in Ostbelgien vorzukommen. In Deutschland scheint exen, folgt man dem Duden (Duden 2007, S. 427) und der zu beobachtenden Verwendung im Internet, nur in der Bedeutung 'von der (Hoch)schule verweisen/eine Unterrichtsstunde unentschuldigt versäumen' vorzukommen bzw. vorgekommen zu sein; exen in dieser Bedeutung gehört zur veralteten Schülersprache. Alle 14 jungen Leute, die exen nach eigenem Bekunden selbst benutzen, nannten diese Antwort spontan. Die 15 Person benutzt das ihr bekannte Wort nicht.

Die beiden anderen Ausdrücke, einen Afond machen und das davon abgeleitete afonieren, waren nur einer einzigen Gewährsperson dieser Altersgruppe unbekannt. 13 bzw. 14 Gewährsleute gaben zu Protokoll, diese Bezeichnungen selbst zu benutzen, wobei es eine bzw. neun Spontannennungen gab. Diese den älteren Eupenern und Eupenerinnen offensichtlich weitgehend unbekannten Begriffe sind also feste Bestandteile des Wortschatzes der Eupener Jugend. Es sind Bezeichnungen, die als typisch ostbelgisch anzusehen sind, haben sich doch keine Belege für ihre Verwendung in Deutschland finden lassen.

Sucht man im Internet bei Google nach afonieren, stößt man auf drei Seiten: die eines bekannten Eupener Karnevalsvereins mit relativ niedrigem Durchschnittsalter und die der Vereinigungen ostbelgischer Studenten in Namur und Lüttich. Diese Ergebnisse führen uns auch einen Schritt weiter in der Bestimmung der Herkunft beider Ausdrücke. Beide Formen stammen aus dem Französischen (wie so viele Begriffe des ostbelgischen Deutsch), genauer gesagt sind afoner und faire un à-fond (von fond 'Boden, Grund': 'bis zum Grund des Glases trinken') Teil des Jargons frankophoner Studenten in Belgien. Sie wurden offenbar übernommen von den zahlreichen ostbelgischen Studenten, die ihr Studium in wallonischen Städten wie Lüttich oder Namur absolvieren.

In Zeiten, in denen das "Komasaufen" bei Jugendlichen immer beliebter zu werden scheint, kommt ein Verb wie afonieren geradezu grazil daher. Man hegt keinen Argwohn. Dass sich dieses jugendsprachliche Wort bei älteren Einwohnern Eupens (noch) nicht festgesetzt hat, könnte damit zu tun haben, dass Jugendliche beim Trinken unter sich sind und nicht unbedingt mit Eltern oder Großeltern über die Einzelheiten sprechen. Die Chance, dass Ältere das neue Wort afonieren aufschnappen, ist also gering. Selbst wenn: Eltern übernehmen ja nun auch nicht alle Sprachmoden der Jugend.

Afonieren scheint ein schönes Beispiel für innerbelgischen Sprachkontakt zu sein. Eine Neubildung, die im wallonischen Teil des Landes aufkommt, wird von den deutschsprachigen Einwohnern übernommen. Im Fall von afonieren beschränkt sich der Worttransfer möglicherweise auf die Jugendsprache.

In diesem Aufsatz ging es um das Alltagsdeutsch junger Leute im ostbelgischen Eupen. Zwei Grundzüge, die auch die jugendliche Alltagssprache im Rheinland prägen, traten in der Auswertung der Fragen 26 und 28 der Eupener Spracherhebung zutage: 1. Jüngere und ältere Menschen gehen unterschiedlich mit regionalsprachlichen, ursprünglich im Dialekt beheimateten Wörtern um. Junge Eupener kennen manche Wörter nicht mehr (pram(m)en). Andere Begriffe (pratschen) verwenden sie auf eine ganz neue Weise: In diesem Fall nutzen sie den regionalen Wortschatz als Reservoir für ihre nie aufhörende Suche nach Ausdrücken und Begriffen, mit denen sich ihre Generation vom Rest der Bevölkerung abhebt; im Rheinland ist das nicht anders (siehe Cornelissen 2004, S. 193/194). 2. Junge Leute verwenden Lehnwörter oder Neubildungen, die der übrigen Bevölkerung (noch) fremd sind, Beispiel afonieren.

Auf beiden Ebenen gibt es natürlich auch eine Vielzahl von Wörtern, die Jung und Alt in Eupen in gleicher oder ähnlicher Weise gebrauchen, wie sich bei dieser Erhebung vielmals zeigte. Klüm(p)chen 'Bonbon' oder Krau 'Gesindel, Pöbel' sind zwei Beispiele für dialektbasierte Wörter, die in beiden Generationen vorkommen. Ostbelgische Französismen, die weder auf die Jugendsprache noch auf das Alltagsdeutsch älterer Menschen beschränkt sind, sind Camion 'Lastwagen' oder Raclette 'Gummiabzieher'. Vom Rheinland aus betrachtet, klingt es in diesen Fällen schon "ganz anders".

Georg Cornelissen/Sandra Weber

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