LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Bonner Regiolekt

Während der Dialekt der Stadt Bonn seit Ende des 19. Jahrhunderts in unterschiedlichen Untersuchungen erforscht und in verschiedenen Publikationen dokumentiert wurde, wurde die regionale Umgangssprache von Bonn, der Regiolekt, selten thematisiert. Dabei sind Sätze wie Na, wie isset? Is dat e Wetter! oder Lauf doch niddeso schnell! in allen Teilen der Stadt in Gesprächen zwischen den verschiedensten Menschen zu hören.

Im Rahmen ihres wissenschaftlichen Volontariats am ILR in den Jahren 2011-2013 hat es sich Katharina Rempel zur Aufgabe gemacht, diese Lücke zu füllen und den Wortschatz des Bonner Regiolekts zu untersuchen. Die Ergebnisse der gesamten Untersuchung Ergebnisse werden ausführlich in ihrem Buch "Bonn, Bönnsch & Bonner Deutsch. Sprachliche Vielfalt in der Bundesstadt" vorgestellt, die wichtigsten werden hier präsentiert.

Als Regiolekt wird eine regionale Alltagssprache verstanden, die sich nicht so deutlich vom Hochdeutschen unterscheidet wie der Dialekt, die aber auch nicht dem normierten Hochdeutsch der Tagesschausprecher entspricht: isset statt ist es, dat statt das und niddeso statt nicht so. Diese regionale Umgangssprache wird geprägt durch Wörter aus dem Dialekt. Jedoch wurde bis jetzt nicht untersucht, welche dialektalen Wörter genau im Bonner Alltagsdeutsch verwendet werden. Auch war unklar, ob es im Regiolekt Generationsunterschiede gibt. Daher wurde anschließend an die Umfrage zum Bönnschen Platt im Dezember 2011 eine Fragebogenerhebung zum Regiolekt der Bundesstadt durchgeführt.

Um die Frage, ob im Regiolekt Altersunterschiede festzustellen sind, beantworten zu können, wurden insbesondere die Ergebnisse der "älteren Sprecher" (über 55 Jahre) und der "jungen Erwachsenen" (34‒21 Jahre) miteinander verglichen. Hierbei zeigten sich zum Teil immense Unterschiede. Die jungen Bonner tendieren dazu, im Regiolekt standardsprachliche Varianten (Regenrinne, Delle, Murmeln, tunken, schummeln etc.) zu gebrauchen. Aus dem Dialekt stammende Bezeichnungen gehören nur noch in reduziertem Umfang zu ihrem Repertoire (Kalle, Plötsch/Blötsch, zoppen, fuschen etc.). Diese Wörter sind hingegen noch Teil des gängigen Regiolekt-Wortschatzes der älteren Sprecherinnen und Sprecher aus Bonn. Schön zeigt sich dies am Beispiel 'Delle'. Wie in der Auswertung der dialektalen Daten festgestellt, gibt es im Bönnschen zwei Dialektwörter dafür, Plötsch und Blötsch. Von den älteren Sprechern und Sprecherinnen werden diese beiden Varianten auch im Regiolekt weiterhin verwendet, wenn auch einige Nennungen für Beule und Delle hinzukommen. Bei den jüngeren Bonnern und Bonnerinnen dreht sich das Verhältnis nun um. Am häufigsten werden Beule und Delle im Regiolekt verwendet, selten Plötsch und Blötsch.

Diagramm, dass die Häufigkeit der verschiedenen Wörter für "hibbelig" im Regiolekt zeigt

Neben diesen Bönnschen Dialektwörtern haben sich im Regiolekt auch Formen aus anderen Dialekten etabliert, wie zum Beispiel Speicher, knibbeln und hibbelig. Diese werden auch von den jüngeren Gewährspersonen im Regiolekt hochfrequent verwendet. Dies zeigt, dass Dialektwörter eine gute Überlebenschance haben, wenn sie sich über ihr Ursprungsgebiet hinaus auch in andere Regiolekte oder sogar ins Hochdeutsche ausbreiten können.

Doch insgesamt zeigt sich in diesem Untersuchungsteil, dass in Bonn, wie auch in anderen Städten des Rheinlands eine fortschreitende Entdialektalisierung des Regiolekts stattfindet. Bei solchen Ergebnissen drängt sich natürlich die Frage nach den Zukunftsaussichten für den Regiolekt auf. Wenn der Trend hier stark in Richtung Standardsprache führt – wo bleibt dann das Regionale im Bonner Deutsch? Um dieser Frage weiter nachzugehen, wurden auch noch explizit die Sprachverwendung von Bonner Schülern und Schülerinnen untersucht.

Die Befragung an zwei Gesamtschulen gliederte sich in zwei Teile: Zuerst wurde auf einem Fragebogen gefragt, wie die Schüler und Schülerinnen der Oberstufe bestimmte Begriffe benennen. Anschließend wurden in einem Sprachquiz Dialektwörter vorgelesen und die Jugendlichen sollten die Bedeutung dieser Wörter erklären. Mit diesem Kompetenztest sollte geprüft werden, ob die Schülerinnen und Schüler manche Wörter vielleicht nicht mehr verwenden, aber immerhin noch deren Inhalt verstehen.

Um die sprachliche Realität der Großstadt Bonn angemessen berücksichtigen zu können, wurden neben Jugendlichen, die in Bonn aufgewachsen und Deutschmuttersprachler sind, auch Schülerinnen und Schüler befragt, die in Bonn aufgewachsen sind, aber einen Migrationshintergrund haben und Deutsch erst als zweite Sprache gelernt haben.

Diagramm, dass die Häufigkeit der verschiedenen Wörter für "tunken" im Regiolekt zeigt

Zusammenfassend lassen sich die Ergebnisse der beiden Tests bei allen Schülerinnen und Schülern als durchweg wenig regional beschreiben. Die bei den jungen Erwachsenen (im vorherigen Untersuchungsteils) noch vorhandene Kompetenz ist bei den Bonner Schülern ohne Migrationshintergrund bis auf wenige Reste stark geschwunden. Das ließ sich beobachten bei Wörtern wie döppen, zoppen, fuschen oder Klicker und (Dach-)Kalle. Und selbst die bei den jungen Erwachsenen noch hoch im Kurs stehenden regionalen "In-Wörter" Speicher und hibbelig haben bei den hiesigen Jugendlichen stark an Beliebtheit einbüßen müssen. Diese greifen nun viel eher zu einem Wort aus der Standard- oder aus der Jugendsprache. So bezeichnen sowohl zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund als auch der Jugendlichen mit Migrationshintergrund den 'Raum unter dem Dach' als Dachboden. Hibbelig nennen zwar noch 20 bis 40 % von ihnen, nervös/unruhig sind aber deutlich beliebter. An dieser Stelle zeigt sich allerdings, wie bei einigen Wörtern, ein Unterschied zu jungen Leuten, die in der ländlichen Umgebung Bonns leben und zur Schule pendeln: Bei ihnen liegt hibbelig, also die regionale Variante, mit fast 60 % noch auf dem ersten Platz.

Auch bei Grüßen zur Verabschiedung lässt sich eine Abnahme regionaler Formen beobachten: Das regionale tschö wird seltener gebraucht als das in ganz Deutschland verbreitete tschüs. Jugendsprachliche Abschiedsgrüße wie hauste (rein) und hade verdrängen ortstypische Grußformeln.

Im zweiten Teil der Schülerbefragung wurde gezielt die Kompetenz in Sachen dialektaler Wortschatz getestet. Die Ergebnisse bestätigen weitgehend, was im vorherigen Teil festgestellt wurde: Der großen Mehrzahl der befragten Schüler und Schülerinnen – mit und ohne Migrationshintergrund – waren elf von 15 vorgelesenen Wörtern ein Rätsel – die angemessene Erklärung von Bezeichnungen wie stippen, Klicker, schnösen, zoppen oder Kuckeleboom war hier der Ausnahmefall. Lediglich vier der Wörter (Köpper, piddeln, Plümmo und knibbeln) waren einer Mehrheit der Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund ein Begriff. Zwei dieser Begriffe (Köpper und piddeln) kannten auch die meisten der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, bei allen anderen Wörtern liegt bei ihnen der Bekanntheitswert noch einmal deutlich niedriger als bei den Muttersprachlern.

Es zeigt sich, dass Dialektwörter, die großräumig verbreitet sind, eine gute Chance haben, auch von jungen Sprecherinnen und Sprechern verwendet zu werden. Und erst dann besteht die Möglichkeit, dass sie auch Eingang in die Umgangssprache von Jugendlichen mit Migrationshintergrund finden.

Literatur & Abbildungsnachweise:

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