LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
Logo LVR
  • Publikationen
  • Veranstaltungen
  • Über uns
  • Kontakt
  • Faktor Alter bei Bekanntheit von Redewendungen

    "Kennen Sie diese Redewendung?" So lautete eine der Fragen bei der Erhebung des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (ILR) zur Verbreitung von Redewendungen, bei denen die Gewährspersonen angeben sollten, welche der angegebenen Wendungen sie a) kennen und verwenden, b) kennen oder c) nicht kennen. Neben dem aktuellen Wohnort wurde auch nach dem Alter der Gewährspersonen gefragt, um eine Unterscheidung hinsichtlich verschiedener Altersgruppen vornehmen zu können. Dabei sollten die Gewährspersonen sich in eine der vorgegebenen Gruppen einsortieren:

    Altersgruppe 1: vor 1945 geboren
    Altersgruppe 2: 1946-1965
    Altersgruppe 3: 1966-1987
    Altersgruppe 4: 1988-2009

    Jemanden lang machen

    Die Antworten der Gewährspersonen zur ILR-Erhebung zu Redewendungen zeigen dabei durchaus Unterschiede hinsichtlich der Bekanntheit in den verschiedenen Altersgruppen. So sind Redewendungen teilweise nur in bestimmten Altersgruppen bekannt, andere hingegen kennen Gewährspersonen jeden Alters. Besonders häufig ist eine Zunahme der Bekanntheit von Altersgruppe eins (vor 1945) zu den anderen Altersgruppen zu beobachten.

    So zeigt sich bei jmd. lang machen 'jmd. ausschimpfen, bestrafen' etwa, dass in Altersgruppe eins die Redewendung zwar bei etwa der Hälfte der Gewährspersonen dieser Gruppe bekannt ist und verwendet wird, den anderen 50% die Wendung aber nicht geläufig ist. Bei denjenigen, die nach 1945 (Altersgruppe zwei bis vier) geboren sind, gaben hingegen nur 20% oder weniger an, die Redewendung nicht zu kennen.

    Ähnlich sieht das Bild auch bei am Rad drehen 'verrückt, ärgerlich werden' aus – hier gaben allerdings zwischen 80% und fast 100% der Gewährspersonen in Altersgruppe zwei bis vier an, die Redewendung zu kennen und auch in ihrer Alltagssprache zu verwenden. Für Altersgruppe eins meldeten nur etwa 40% der vor 1945 Geborenen, dass sie die Wendung sowohl kennen als auch verwenden, 15% der Altersgruppe ist am Rad drehen hingegen nicht geläufig.

    Zu dieser Gruppe, in der sich hinsichtlich der Bekanntheit eine Differenz zwischen Altersgruppe eins und den anderen drei Gruppen aufzeigt, gehören außerdem die Wendungen einen Lattenschuss haben, etwas verpacken können, einem wat anne Backe labern, etwas/jmd. nicht abkönnen, einen Ratsch am Kappes haben, Schicht im Schacht und auf die Schnüss legen.

    Sich schieflachen

    Anders sehen die Bekanntheitswerte hingegen für sich schieflachen 'sich belustigen' aus: Während diejenigen, die zwischen 1945 und 1987 geboren sind, fast zu 100% die Redewendung kennen und zu etwa 70% bis 80% diese in ihrer Alltagssprache nutzen, gilt dies für die jüngsten Teilnehmenden (1988-2009) nicht. Etwa 10% dieser Altersgruppe gaben an, sich schieflachen nicht zu kennen und nur knapp die Hälfte dieser Altersgruppe verwendet diese Wendung auch selbst.

    Et ärme Dier kriejen

    Auffällig ist, dass eine Differenz hinsichtlich der Bekanntheit einer Redewendung zwischen Altersgruppe eins und vier besteht: Die Wendungen, die die ältesten Teilnehmenden (vor 1945) kennen (und verwenden), sind den Gewährspersonen der Altersgruppe vier kaum oder nur wenig bekannt und anders herum.

    Das gilt auch bei et ärme Dier kriejen 'verrückt, melancholisch werden': Etwa 30% der Altersgruppen eins und zwei gaben bei der ILR-Erhebung an, die Redewendung zu kennen (etwa 30%); 60% bis 70% verwenden sie auch in ihrer Alltagssprache. Diese hohen Bekanntheitswerte sinken für Altersgruppe drei, in der nur noch 40% die Wendung auch in der Alltagssprache nutzen. Mehr als der Hälfte der jüngsten Teilnehmenden (1988-2009) ist et ärme Dier kriejen hingegen nicht geläufig ist, lediglich etwa 13% dieser Altersgruppe nutzen die Wendung auch in ihrer Alltagssprache.

    Auf den letzten Stipp kommen

    Ähnliches gilt auch für wat anne Füße haben 'reich, gut betucht sein' und auf den letzten Stipp kommen 'gerade noch rechtzeitig kommen': Für die Altersgruppen werden deutliche Unterschiede bei den Bekanntheitswerten sichtbar; wiederum nimmt die Bekanntheit von Altersgruppe eins über Altersgruppe zwei und drei bis zu den jüngsten Gewährspersonen kontinuierlich ab. Meldeten noch 65% (wat anne Füße haben) und 50% (auf den letzten Stipp kommen) der ältesten Teilnehmenden diese Wendungen zu kennen und ebenfalls im Alltag zu verwenden, gaben für Altersgruppe vier indessen lediglich etwa 15% (wat anne Füße haben) und nicht ganz 5% (auf den letzten Stipp kommen) an, diese auch zu verwenden. Fast der Hälfte (wat anne Füße haben) bzw. 70% (auf den letzten Stipp kommen) der zwischen 1988 und 2009 Geborenen sind die beiden Wendungen nicht geläufig.

    Diese Ergebnisse zeigen, dass einzelne Wörter wie Stipp für die jüngeren Generationen eventuell nicht mehr verständlich sind oder sie sich Ausdrücke wie wat anne Füße haben vermutlich nicht mehr erschließen können.

    Interessant ist dabei hingegen, dass Gewährspersonen jeglichen Alters meldeten, die Wendungen zumindest zu kennen: So gaben je nach Altersgruppe 35% bis 45% an wat anne Füße haben zu kennen, aber selbst nicht zu verwenden. Für auf den letzten Stipp kommen lagen die Werte zwischen 25% und 35%. Grund hierfür könnte sein, dass auch die jüngeren Rheinländer*innen die Redewendungen noch im Ohr haben, weil ihre (Groß-)Eltern sie verwenden oder weil sie in alten Erzählungen genutzt werden.

    Das Fenster/die Tür bei machen

    Anders sehen die Ergebnisse der ILR-Erhebung für das Fenster/die Tür bei machen 'nicht ganz zu machen' aus: Von Altersgruppe eins (vor 1945 geboren) über zwei (1946-1965) und drei (1966-1987) steigt die Bekanntheit der Wendung kontinuierlich an und liegt bei Altersgruppe vier (1988-2009) etwa doppelt so hoch wie für die vor 1945 Geborenen. Es handelt sich hier scheinbar um eine Redewendung, die im deutschen Sprachgebrauch noch verhältnismäßig jung ist.

    Sich zum Schänzchen arbeiten

    Bisher haben wir Wendungen betrachtet, die sich durch eine Zu- oder Abnahme von Altersgruppe eins bis Altersgruppe vier kennzeichnen. Besonders interessant sind aber auch Wendungen, bei denen weder eine kontinuierliche Zu- noch eine kontinuierliche Abnahme der Bekanntheit über die Altersgruppen zu erkennen ist: sich zum Schänzchen arbeiten 'abrackern, zu hart arbeiten' etwa zeigt bei den Antworten der Gewährspersonen, dass die Bekanntheitswerte von Altersgruppe eins (etwa 20%) gegenüber Altersgruppe zwei (etwa 25%) zunehmen, dann aber für die Altersgruppe drei (etwa 23%) und Altersgruppe vier (13%) wieder abnehmen.

    Auf die Schnüss kriegen

    Für zahlreiche Wendungen der ILR-Erhebung gilt aber, dass sie in allen Altersgruppen etwa gleich (un)bekannt sind: auf die Schnüss kriegen 'einen Schlag bekommen' und etwas mit Schmackes machen/tun 'mit Kraft/Schwung/Wucht machen' weisen bei Teilnehmenden jeden Alters hohe Bekanntheitswerte auf – jeweils 80% oder mehr der Gewährspersonen gaben an, die Redewendungen zu kennen und auch zu verwenden. Deutlich geringer lagen die Werte hingegen bei noch nicht am krusen Bäumchen vorbei sein 'noch nicht geschafft haben' und Pannas am Klappmast 'Androhung von Sanktionen und Strafen'. Hier gaben in allen Altersgruppen nur etwa 10% der Teilnehmenden an, die Redewendungen zu kennen und auch zu verwenden, über 90% dann, dass ihnen weder noch nicht am krusen Bäumchen vorbei sein noch Pannas am Klappmast bekannt seien.

    Nicht nur geografisch lassen sich also Unterschiede bei der Bekanntheit der Redewendungen aus der ILR-Erhebung aufzeigen, auch hinsichtlich des Alters zeigen sich Differenzen. So sind einige Redewendungen bei allen Teilnehmenden der ILR-Erhebung gleich (un)bekannt (auf die Schnüss kriegen, etwas mit Schmackes machen/tun, noch nicht am krusen Bäumchen vorbei sein, Pannas am Klappmast). Andere hingegen sind bei den vor 1945 Geborenen unbekannt, für Altersgruppen zwei bis vier jedoch bekannt und werden von diesen Gewährspersonen auch verwendet (jmd. lang machen). Andersherum zeigt die Befragung auch, dass etwa das Fenster/die Tür bei machen eine im deutschen Sprachgebrauch junge Wendung zu sein scheint.

    Sarah Puckert