LVR-Institut für Landeskunde
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Verwendung von 'kriegen': Krichste noch 'n Bier?

Werbeplakat von Früh Kölsch mit der Aufschrift "Christ' noch eins?"

Die Kölner Brauerei Früh ist in Köln und Umgebung nicht nur für ihr gutes Kölsch bekannt, sondern seit vielen Jahren auch für ihre prägnant-witzigen Werbeplakate. Ab und zu finden sich in den Werbesprüchen auch mehr oder weniger offensichtliche Anspielungen auf den kölschen Stadtdialekt oder die rheinische Umgangssprache – so auch auf dem abgebildeten Plakat, dass im Dezember 2016 zu sehen war. Christ‘ spielt hier natürlich auf Weihnachten an – und auf eines der "rheinischen Lieblingsverben", das sowohl in den Dialekten als auch in den Regiolekten an Rhein und Ruhr wesentlich breiter verwendet werden kann, als im Hochdeutschen: kriegen.

Im Standarddeutschen werden in der Regel die Verben bekommen und erhalten verwendet, um auszudrücken, dass jemandem etwas gegeben wird (auch im übertragenen Sinne): Ich habe von meiner Mutter ein Geschenk bekommen, er hat das Schreiben erhalten oder sie bekommt in drei Monaten ihr Kind. In der rheinischen Umgangssprache würden sich die gleichen Sätze etwas anders anhören: Ich hab von meiner Mutter ein Geschenk gekrigt, er hat dat Schreiben jekrischt oder sie kricht in drei Monaten ihr Kind.

Die Wurzeln dieser großen Beliebtheit des Wörtchens kriegen liegt in den rheinischen Dialekten. Sowohl im Mittel- als auch im Niederfränkischen wird kriegen in zahlreichen Bedeutungen verwendet, wie der Eintrag im Rheinischen Wörterbuch deutlich macht: Han is beater als kriejen ('Haben ist besser als bekommen'), die Sach hät Ben krege ('Die Sache hat Beine bekommen'), do krit man ken Ben op de Erd ('Da bekommt man kein Bein auf die Erde' = 'Man kommt wirtschaftlich nicht voran') oder dat kriste doch döck ze hüre ('Das bekommst du doch oft zu hören').

Wie die Beispiele sichtbar machen, gibt es sehr viele lautliche Varianten der unterschiedlichen Formen von kriegen – sogar innerhalb eines Ortsdialektes können sie variieren (z.B. ich krijeich kreie in Bad Münstereifel). Dazu kommen noch neuere Bildungen, die sich unter dem Einfluss des Standarddeutschen entwickelt haben und die vor allem in der regionalen Alltagssprache verwendet werden, wie du kri(ch)st und er kricht (statt du kris und hä/he kritt in vielen Ortsdialekten). Die verschiedenen Formen bilden häufig typische Gegensätze der unterschiedlichen Dialektgebiete des Rheinlandes ab. So begegnet im Süden (im Ripuarischen und im Südniederfränkischen) die Koronalisierung des ch-Lautes (er krischt statt er kricht), außerdem wird g im Wortan- und inlaut hier zu j (jekreje oder jekrischt statt gekreege oder gekricht). Das Kleverländische ganz im Norden kennt diese beiden Entwicklungen nicht.

Das Wort kriegen hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ausgangspunkt sind althochdeutsch und altniederdeutsch krêg mit der Bedeutung 'Starrsinn, Hartnäckigkeit'. Diese entwickeln sich im Mittelhochdeutschen bzw. Mittelniederdeutschen weiter zu kriec bzw. krîch, beide mit der neuhochdeutschen Bedeutung 'Kampf, Streit (mit Worten oder Waffen)'. Hieraus ergeben sich im mittelniederdeutschen Sprachraum zwei gleichlautende Verben, von denen das eine stark flektiert (gebeugt) wird und 'streiten' bedeutet, während schwaches kriegen 'bekommen, erhalten in allgemeinster Bedeutung' meint. Diese Zweiteilung (sowohl der Bedeutung als auch der grammatischen Form) breitet sich ins Mittelfränkische aus. Von hier aus wird sie wiederum weiter nach Süden exportiert, wobei sich im Laufe der Zeit bis zum Neuhochdeutschen die schwache Flexion und die Bedeutung 'bekommen, erhalten' durchsetzen, so wie wir das Wort heute kennen.

Charlotte Rein

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