LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Gekürzte Vokale: Da ham wir den Zuch grad noch gekricht!

Zug im Bahnhof Köln-Deutz Is dat auch der richtige Zuch?

"In der Kürze liegt die Würze" - nach diesem Motto scheinen die Rheinländer in ihrer regionalen Alltagssprache, dem Regiolekt, oftmals mit dem Vokal eines Wortes zu verfahren. Denn häufig wird ein standardsprachlicher Langvokal gekürzt: Statt Spaß heißt es im Rheinland Spass und gekriegt wird zu gekricht.

Bei welchen Wörter eine solche Kürzung auftritt ist dabei nicht willkürlich, Untersuchungen haben gezeigt, dass nur bei bestimmten Voraussetzungen der Vokal verändert wird:

1) Bad, Rad, Spaß, gibst, grob, schon: In einsilbigen Wörtern, die ein langes a, o, u oder i beinhalten und auf einen Konsonanten (z. B. d, g, t) enden, kann der Vokal gekürzt werden. Das klingt dann etwa so: Spass (MP3-Datei, 23 KB) (Köln).
Es gibt aber auch Wörter, auf die diese Merkmale zutreffen und bei denen nie eine Kürzung eintritt, beispielsweise Lob, Lid, Stab, Tod, Sog.

2) Dusche, Liter, Vater, Viertel, dieser, über, wieder: Auch in einigen Zweisilbern kann eine Vokalkürzung eintreten. Besonders häufig tritt dies bei zweisilbigen Wörtern auf, die auf die betonten Endungen -it oder -ik enden: Appetit, Kredit, Musik, Politik. Und so klingt das in Köln: Musik (MP3-Datei, 36 KB).

3) Schlag, Tag, Zug, genug, (ich) sag: Am beliebtesten scheint die Kürzung bei Wörtern zu sein, die auf -g enden und bei denen dieses -g als /ch/ ausgesprochen wird (NOSA 2015, S. 141-142) (mehr zu dieser Aussprachevariante gibt es hier).

Grundsätzlich ist das Phänomen aus dem gesamten Norden Deutschlands bekannt und auch bei einigen Wörtern in den Regiolekten des Südens kommt es vor (vgl. dazu die Karte Länge des (betonten) Vokals im AdA). Doch im Rheinland scheinen die Sprecherinnen und Sprecher es besonders "ernst" zu meinen: Hier wird besonders häufig gekürzt und auch in Wörtern, in denen in anderen Gegenden keine Veränderung des Vokals zu beobachten ist. So sind zum Beispiel die Anredeformen Omma und Oppa für die Großeltern am Niederrhein und im Ruhrgebiet besonders prominent (vgl. die Karte Großeltern im AdA). Und eine Untersuchung aller Regiolekte in Norddeutschland hat deutlich gezeigt, dass kurzes übber und widder vor allem am Niederrhein vorkommt (NOSA 2015, S. 148). Zug hingegen wird im gesamten Rheinland mit einem kurzen u gesprochen (und mit /ch/ statt /k/ am Ende), nur im Raum Aachen verwenden erstaunlich viele Sprecher Zuuch mit langem u (vgl. die Karte Zug aus Cornelissen 2002, S. 303). Die Variante ist dabei durch alle Generationen hinweg beliebt, zwischen jüngeren und älteren Sprecherinnen und Sprechern sind kaum Unterschiede zu bemerken.

Im Gegensatz zu vielen anderen Merkmalen des rheinischen Regiolekts beruht die Kürzung von Vokalen nur zum Teil auf den alten Dialekten der Regionen. Zwar gibt es dieses Phänomen auch in den Mundarten, aber nicht in allen Wörtern, die im Regiolekt mit kurzem Vokal vorkommen, ist auch im Dialekt Kürzung möglich. So wird Tag in den meisten rheinischen Dialekten wie im Hochdeutschen mit langem a ausgesprochen (RhWb, Bd. 8, S. 1208), im Regiolekt hingegen kommt oft die Variante mit kurzem Vokal vor (und wieder mit /ch/ statt /k/). Als Grund für das häufige Auftreten der gekürzten Laute sehen einige Forscher die Sprechgeschwindigkeit: Je schneller gesprochen werde, desto eher würden gekürzte Vokale auftreten. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass Sprecherinnen und Sprecher auch ohne Wechsel der Sprech-geschwindigkeit innerhalb eines Gesprächs Varianten desselben Wortes mit langem und kurzem Vokal nebeneinander verwenden, die Erklärung scheint daher nicht (allein) zuzutreffen (NOSA 2015, S. 142).

Charlotte Rein

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