LVR-Institut für Landeskunde
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    Vor einiger Zeit machte eine junge Frau, die ursprünglich nicht aus Nordrhein-Westfalen stammte, ein Praktikum auf der Rettungswache in Königswinter bei Bonn. Eine ihrer Aufgaben bei Einsätzen mit dem Rettungswagen war es, die Daten der Patienten aufzunehmen und zu notieren. Eines Tages musste ein älterer Herr behandelt werden. Um die entsprechenden Formulare ausfüllen zu können, fragte die Sanitäterin also den Patienten nach seinem Familiennamen und nach dessen Schreibweise. "Jiljen", antwortete der gebürtige Rheinländer, "wie man et sprischt!". Der Abgleich mit dem Klingelschild an der Haustür des Mannes erbrachte dann allerdings eine andere Schreibung: Gilgen. Ein klassischer Verwirrungsfall der vielen 'rheinischen Gs'! Dass die junge Frau den Namen nicht direkt richtig enträtseln konnte, lag sicherlich zum einen daran, dass sie die Entschlüsselungsformel "rheinischer Laut j entspricht (häufig) dem Schriftzeichen g" nicht kannte. Zum anderen war ihr aber vermutlich auch der Name Gilgen vorher noch nie begegnet: Kein Wunder, denn er kommt fast nur im südlichen Rheinland vor.

    Zur Erklärung von Herkunft und Bedeutung des Familiennamens gibt es zwei mögliche Ansätze. Der eine stellt ihn in einen Zusammenhang mit weiteren Namen wie Egidy, Egidi, Aegidi, Gilles, Gilg oder Gil. Denn all diese Namenformen können auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeführt werden: auf den Heiligennamen Ägidius. Die große Vielfalt hiervon abgeleiteter Namen kann auf die große Bekanntheit (und Beliebtheit) des Heiligen Ägidius zurückgeführt werden – er zählt zu den 14 Nothelfern, die in der Heiligenverehrung seit dem Mittelalter eine große Rolle spielen. Entsprechend beliebt wurde Ägidius dann als Vorname, im Rheinland ist er bereits ab dem Jahr 764 nachzuweisen (in zahlreichen Varianten wie Agidius, Gilias, Gilg, Schelis, Gelis, Gilis, Jelis, Zelis u.v.m.). Mit Entwicklung der Familiennamen (um 1500) wurde der Name dann auch als Patronym (Vatersname) verwendet; der Sohn eines Ägidius (genannt Gilg) konnte also als Hennes Gilgen bezeichnet werden, als "Hennes, Sohn des Gilg". Die Endung -en ist demnach eine Genitivform (Wessen-Fall), die ein Besitzverhältnis bzw. einen Bezug deutlich macht. Vergleichbares finden wir bei den Familiennamen Dahmen und Grommes (-en ist die schwache, -s die starke Genitivendung). Eine Ägidius-Familiennamenvariante mit starker Genitivendung gibt es auch noch: Gilges. Er ist auch typisch rheinisch und kommt besonders im Rhein-Kreis Neuss sehr häufig vor.

    Tabernakel mit dem Heiligen Ägidius Heiliger oder Blume – das ist hier die Frage! drei orange Lilien

    Eine ganz andere, geradezu blumige Erklärung des Namen Gilgen bringt ihn in Verbindung mit einem ehemaligen Hauszeichen. Diese gab es in vielen mittelalterlichen Städten: Ein Haus wurde mit einem Emblem gekennzeichnet, daraus entwickelte sich wiederum ein Hausname. Wir kennen dies heute vor allem noch von Gaststätten- und Apothekennamen: "Zum Stern", "Zur Sonne" oder "Zur Rose". Ein beliebtes Hauszeichen waren Pflanzen, so auch die Lilie, die früher auch Gilge, Plural Gilgen, genannt wurde. Da Hausnamen neben der Bezeichnung des Gebäudes auch zur näheren Identifizierung ihrer Bewohner dienten, wurden aus ihnen später oft Familiennamen. Und so konnte der Hausname Gilgen auf seine Bewohner übergehen, die fortan diesen ursprünglichen Pflanzennamen als Nachnamen trugen.

    Welche Erklärungsvariante für den Namen einer konkreten Familie Gilgen zutrifft, kann pauschal natürlich nicht beantwortet werden – hierzu bedarf es historischer Unterlagen, die die Entstehung des Namens nachvollziehbar machen.

    Charlotte Rein

    Literatur:

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