LVR-Institut für Landeskunde
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    Das Schöne an der Beschäftigung mit Namen ist, dass sie auch erfahrene Forschende immer wieder überraschen können: So kann es sein, dass sich die Herkunftsgeschichte eines (heute) kompliziert anmutenden Ortsnamens bei näher Beschäftigung als vergleichsweise einfach und eindeutig herausstellt (wie zum Beispiel bei Frau- und Jakobswüllesheim), andersherum kann sich aber auch die Erklärung eines kurzen, simpel wirkenden Ortsnamens als schwierig bis unmöglich erweisen. So ging es der Autorin bei der näheren Beschäftigung mit dem Ortsnamen Wesel. Denn wie sich zeigte, versuchen Heimatforscher und Namenkundler schon seit etwa 350 Jahren den Namen der Stadt am Niederrhein zu entschlüsseln und sind dabei bis heute zu keiner endgültigen Einigung gekommen.

    Die Herausforderung beginnt bereits bei den ältesten überlieferten Belegen, die sich zum einen in den Schriften des Klosters Werden an der Ruhr finden, zum anderen in der schriftlichen Überlieferung des Klosters Echternach an der Sauer:

    Aus Werden:
    10./11. Jahrhundert in Uuisilli
    11. Jahrhundert in Uuisilli

    Aus Echternach:
    719/39 de ecclesia Wesele
    1065 in villa Wisele

    Frühe Belege, etwa aus dem 8. Jahrhundert, sind normalerweise bei der Enträtselung eines Ortsnamens eine große Hilfe – in diesem Falle irritieren die Nennungen aus Echternach allerdings mehr als sie helfen, denn allem Anschein nach handelt es sich hierbei um Fälschungen! Der Vergleich mit den Belegen aus Werden und allgemeinen Erkenntnissen über Sprachwandelvorgänge im Mittelalter legen nahe, dass diese Formen erst später als angegeben aufgeschrieben wurden: Die Abschwächung von vollen Vokalen zum gemurmelten e in Nebensilben (illi > ele) erfolgte erst im 11. und 12. Jahrhundert. Belege, die sicher aus dieser Zeit stammen, stützen die Annahme einer späteren Niederschrift der Formen:

    ca. 1142/56 Wisele
    ca. 1149/59 Wisela
    1263 Wesele

    Doch was bedeutet der Ortsname Wesel nun? Eine Erklärung, die in der Vergangenheit immer wieder zur Deutung des Namens angegeben wurde, war der Anschluss an den Tiernamen Wiesel – bedingt auch dadurch, dass das Wiesel bis heute das Stadtwappen von Wesel ziert (Derks 2005).

    Wiesel, das Männchen macht auf einer Wiese Scheue Tiere: Ein Wiesel überprüft die Gegend Wappen von Wesel: Rot mit drei weißen Wieseln Ausschnitt des Weseler Stadtwappen

    Als Begründung wurde angenommen, dass zur Zeit der Ortsgründung auf dem Gebiet an Rhein und Lippe auffällig viele Wiesel gelebt hätten. Doch hat die Forschung diese Annahme inzwischen weitestgehend entkräftet und zwar sowohl aus namenkundlicher als auch aus biologischer Perspektive. So gibt es im deutschen Sprachgebiet zwar zahlreiche Ortsnamen, die einen Tiernamen als Bestimmungswort aufweisen, diese werden aber immer um ein Grundwort, das deutlich macht, dass es sich um einen Ort handelt, ergänzt: Wolfsburg, Ochsenfurt, Ebersberg u.v.m. Dieses Grundwort fehlt in Wesel. Weiterhin ist gar nicht klar, ob zur Zeit der Siedlungsgründung das Wiesel in Wesel überhaupt als Wiesel bezeichnet wurde. Noch heute heißt das Mardertier in den niederdeutschen Mundarten Wessl, Wissel oder Wissl (immer mit kurzem Vokal), diese oder noch andere Lautungen könnten früher üblich gewesen sein. Aus biologischer Perspektive sprechen die Lebensgewohnheiten des Wiesels gegen größere, deutlich sichtbare Populationen der Art: Wiesel sind Einzelgänger mit großem Revier, die allenfalls in kleinen Familienverbänden zusammenleben. Außerdem sind sie nachtaktiv und am Tag für den Menschen kaum sichtbar. Es kann also davon ausgegangen werden, dass der Name Wesel nicht auf das Tier Wiesel zurückzuführen ist und dass das Stadtwappen in einer Zeit angefertigt wurde, in der die Bürger und Bürgerinnen auch nicht mehr wussten, was der Ortsname ursprünglich bedeutete. Durch die lautliche Ähnlichkeit und die schöne Bildlichkeit wurde dann das Wiesel zum Wappentier von Wesel.

    Zwei weitere Deutungsansätze erscheinen aus heutiger Sicht geeigneter, um den Namen der Stadt zu erklären. Beide beziehen sich auf die Lage Wesels an mehreren Gewässern.

    Schiff auf dem Rhein bei Wesel Hieß dieser Rheinabschnitt einmal anders?

    Früher, in Zeiten zumeist nur kleinräumiger Kommunikation, war es üblich, dass insbesondere längere Flüsse viele Namen hatten, die jeweils einen bestimmten Abschnitt bezeichneten (heute noch bei der Wupper, deren Oberlauf Wipper heißt). Deshalb kann man annehmen, dass der Ortsname Wesel auf eine Gewässerbezeichnung zurückzuführen ist, die der indogermanischen Wurzel *wis- 'fließen' entstammt: *Wis-il-ja. Die Ableitung mit dem Suffix -ja bezeichnet eine Zugehörigkeit an: 'Ort/Stelle, die/der zum Gewässer Wisila gehört' wäre dann eine mögliche Übersetzung des Namens (Evertz 2019, S. 31).

    Eine andere Erklärung unternimmt den Anschluss an das mittelniederdeutsche Wort wese 'Wiese, (feuchte) Stelle am Wasser' (*wis-ôn, althochdeutsch wisa). Ergänzt wird das Wort um das Suffix -l-, das entweder verkleinernde Funktion haben kann oder einfach nur anzeigt, dass das im Vorderglied genannte (in diesem Fall wese) an der bezeichneten Stelle vorhanden ist. Auch hier wäre eine weitere Ableitung mit dem Suffix -ja anzunehmen. Die Bedeutung des Ortsnamen Wesel wäre dann etwa 'Ort an der/den (feuchten) Wiese(n)'. Die letztgenannten Erklärungen beziehen sich somit beide auf die spezifische Lage Wesels in einem recht feuchten Gebiet, was sie zur Deutung des Ortsnamens geeigneter macht als den Anschluss an den Tiernamen Wiesel.

    Charlotte Rein

    Literatur:

    Bildnachweise: