LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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    Pössenheimer "Trittbrettfahrer"?!

    Wie kommen die Sprachwissenschaftler und Sprachwissenschaftlerinnen im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte eigentlich auf die Ideen für all die Texte auf der Homepage, in der Zeitschrift "Alltag im Rheinland" und in den vielen Büchern? Diese Frage hat sich vielleicht der oder die eine unserer Leser und Leserinnen schon einmal gestellt. Da die Entstehung dieses Artikels zum Ortsnamen Pissenheim ein hervorragendes Beispiel dafür ist, wie sich aus einem Thema unverhofft ein neues ergeben kann, hier eine kurze Chronologie:

    Ausschnitt aus einem Fragebogen aus Werthhoven Interessanter "Beifang": ein Ort, zwei Ortsnamen?!

    Wissend um die Überlegungen ihrer Kollegin, zeigt sie dieser den Fragebogen: "Weißt du, was es mit dieser Anmerkung auf sich hat? Anscheinend hat der Ort 1934 seinen Namen gewechselt. Wäre das nicht vielleicht ein interessantes Thema für die Homepage?" Die Online-Redakteurin wird hellhörig - da könnte sich tatsächlich eine spannende Geschichte hinter verbergen. Also macht sie sich auf in die Bibliothek und beginnt mit den Recherchen...

    Tatsächlich wurde der kleine Ort Werthhoven im Drachenfelser Ländchen 1934 auf Anordnung der Preußischen Regierung von Pissenheim in Werthhoven umbenannt. Der Grund dafür ist nachvollziehbar: Die Bewohner wollten nicht mehr mit dem Namen ihres Heimatortes aufgezogen werden. So hatte der Ort beispielsweise unter den Bonner Studenten als 'St. Urin' (ungewollt) Bekanntheit erlangt.

    Ortsschild Pissenheim wird zu Werthhoven

    Der neue Name wurde in Anlehnung an den Werther Hof gewählt, einen Gutshof in Pissenheim, der zum Kloster Nonnenwerth (vormals Rolandswerth) gehörte.
    Aus sprachwissenschaftlicher Sicht stellt sich nun die Frage, wie der Ort zu seinem ursprünglichen, als anstößig empfundenen Namen gekommen ist und ob ihm tatsächlich die Bedeutung 'urinieren' zugrunde liegt oder etwas ganz anderes.
    Der erste schriftliche Beleg stammt aus dem Jahr 770, Pissinheimo marcha heißt es in den mittelrheinischen Regesten (= Zusammenstellung von Urkunden). In den folgenden Jahrhunderten findet der Ort in verschiedenen Schriftstücken Erwähnung, so 854 als Passanheim und Pisnaim, 856 als Piscenheim, 893 als Pissenheym, 898 als Pissunheim und schließlich 1143 in der heutigen Form Pissenheim.

    Erwähnung Pissenheims in einer Urkunde von 856 Pissenheim als Piscenheim in einer Urkunde vom 28. Juni 856

    Die Endung -heim ist schnell erklärt: Sie stammt bereits aus der Zeit der fränkischen Landnahme (5./6. Jahrhundert) und bedeutet 'Heim(at), Wohnort'. Häufig wurden Ortsnamen in dieser Zeit durch die Kombination Personenname (PN) + -heim gebildet, z. B. Heimerzheim: PN Heimwart + -heim 'Heimat der Leute des Heimwart' (Dittmaier 1979, S. 45). Daher ist es naheliegend, auch für Pissenheim von einem Personennamen als Bestimmungswort auszugehen. Für die Zeit um das 6. Jahrhundert, zu der die Benennung des Ortes vermutlich stattfand, ist der Name Biso bzw. Piso belegt. Dieser könnte durchaus dem Ortsnamen zugrunde liegen. Weitere Namensdeutungen, die im Volksmund verbreitet sind, lassen sich aus wissenschaftlicher Sicht nicht belegen, wie beispielsweise die Annahme, dass er auf lateinisch piscina 'Fischteich' beruht. Auch die Erklärung, dass im 17. Jahrhundert ein großer Teil des Dorfes einem Brand zum Opfer fiel und von ihm nur ein 'bisschen' übrig blieb (Bisschenheim = Pissenheim), kann nicht überzeugen, da der Ortsname ja bereits viel früher belegt ist. Aus etymologischer Sicht hätten die ehemaligen Pissenheimer und späteren Werthhovener Bürger keinen Grund zur Umbenennung ihres Dorfes gehabt - es bleibt aber zu vermuten, dass dieses Argument die stichelnden Nachbarn wenig beindruckt hätte...

    Ganz vergessen ist der alte Name allerdings noch nicht: Im Ortsdialekt heißt das Dorf nach wie vor Pössem und das Dorfgemeinschaftshaus haben die Bürger daran anschließend Pössemer Treff genannt. Heute nehmen die Bewohner den ehemaligen Ortsnamen also mit Humor...!

    So weit so gut, allein aus diesem Material hätte die Online-Redakteurin sicherlich einen interessanten Artikel erstellen können. Doch die Recherchen zeigten, dass eigentlich gar nicht das Jahr 1934 besonders erwähnenswert ist, sondern das Jahr 1919 - und dass die Pissenheim-Werthhovener Bürger möglicherweise gar nicht selbst auf die Idee zur Umbenennung ihres Ortes gekommen sind, sondern "Trittbrettfahrer" waren...

    Denn nur etwa 70 km nordwestlich vom heutigen Werthhoven liegt Muldenau, ebenfalls ehemals Pissenheim. Tatsächlich hat sich hier, etwa 15 Jahre früher, fast die gleiche Geschichte abgespielt: Auch die Bürger dieses ehemaligen Pissenheims hatten die Nase voll von Hänseleien. Aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrende Soldaten, die sich in der Fremde oftmals für den Namen ihres Heimatortes hatten schämen müssen, initiierten die Umbenennung. Der neue Name wurde in Anlehnung an die geographische Lage des Dorfes gewählt: Es befindet sich in einer Talsenke (einer 'Mulde'), in einer 'Aue', d. h. an einem Bach. Doch auch dieses Pissenheim hat historisch betrachtet nichts mit 'Wasser lassen' zu tun. Ein Blick in die Überlieferungsgeschichte zeigt für das heutige Muldenau ähnliche Formen wie bereits für Werthhoven: 1270 Pissenheim, 1334 Pyssenhem, 1347 Pyssenheim, 1524 Pißenheim, 1806/07 Pissenheim. Es ist daher davon auszugehen, dass der Ortsname ebenfalls auf einen Personenamen Biso oder Piso zurückzuführen ist, auch wenn hier ebenfalls alternative Deutungen vorgeschlagen wurden. Neben der bereits für Werthhoven-Pissenheim erwähnten Vermutung, dass sich der Ortsname auf lateinisch piscina 'Fischteich' zurückführen lässt, wurde beispielsweise die Annahme geäußert, dass das Bestimmungswort Piss- auf dem Wort Binse 'an feuchten Standort wachsende Pflanze' beruht. Da dieses Wort im Rheinischen jedoch nie mit P- am Wortanfang auftritt, trifft diese Deutung wohl ebenfalls nicht zu.

    Ob die Werthhoven-Pissenheimer von der erfolgreichen Umbenennung Muldenau-Pissenheims gehört hatten und dadurch auf die Idee zur Beantragung eines neuen Ortssnamens kamen oder ob die Dopplung der Geschichte Zufall ist, wird wohl allerdings ein Geheimnis bleiben...

    Charlotte Rein

    Literatur:

    Bildnachweise: