LVR-Institut für Landeskunde
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    Der Kotten mit dem Namen Freisewinkel befindet sich seit mindestens 500 Jahren am Ortsrand der heutigen Stadt Sprockhövel, die unweit nordwestlich der Benrather Linie liegt, die hier das Südwestfälische vom Ostbergischen trennt.
    Als Kotten werden im Bergischen Land kleinere Höfe oder Häuser bezeichnet, die oft von einem größeren Gutshof abhängig waren und zu denen meist nur wenig Land gehörte. Am Niederrhein heißen vergleichbare Höfe Katen. Oft wurde in einem Kotten sowohl gewohnt als auch gearbeitet, so waren an den Flüssen im Bergischen Land und in Westfalen Hammer- und Schleifkotten verbreitet, in deren Werkstätten mit Hilfe von Wasserkraft gearbeitet wurde (Dittmaier 1963, S. 162-163). Der Kotten Freisewinkel ging vermutlich aus einer mittelalterlichen Feldschmiede hervor, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Siedlungsplatz mit Werkstatt und Wohngebäude wandelte.

    Bei dem Kotten Freisewinkel handelt es anscheinend um den ersten Kotten, der im Sprockhöveler Markenwald, also im Gemeinbesitz aller Bewohner der Siedlung, gebaut wurde und nicht auf dem privaten Land eines Hofbesitzers. Im Schatzbuch der Mark wird 1486 der Besitz eines Derick Vryeswinckel erwähnt, bei dem es sich nach Höhe der Steuerschuld um einen Kotten handelte. Genauer kann der Bau des ersten Hauses auf diesem Siedlungsplatz jedoch nicht bestimmt werden. Seit dem 15. Jahrhundert findet sich der Kotten bzw. seine Bewohner, die den Namen Freisewinkel zumeist als Nachnamen oder als Ergänzung zu ihrem Familiennamen (Johann Berghaus gen.[annt] Fresewinkel, Kuhweide/Seidler 2015, S. 8) tragen, regelmäßig in der schriftlichen Überlieferung Sprockhövels Erwähnung. Der Kotten ist heute in Privatbesitz; die Straße, die zu ihm und zu weiteren Häusern, die in der Nähe gebaut wurden, führt, trägt den Namen Im Freisewinkel. Als Familienname ist Freisewinkel von Sprockhövel aus auch in den nahegelegenen ostbergischen Sprachraum gelangt, hier erscheint er zumeist in der Form Fresewinkel bzw. Friesewinkel. Dieser Unterschied ist dadurch bedingt, dass sich im Südwestfälischen langes e zu ei verändert hat, im Ostbergischen jedoch erhalten geblieben ist. So heißt es im Oberbergischen Platt auch heute noch leef, in Südwestfalen dahingegen leif 'lieb'. Im Hochdeutschen entspricht diesem Laut ein langes i, das häufig als ie verschriftlicht wird.

    Die Bedeutung des Hofnamens ist bis heute nicht endgültig geklärt, nach aktueller Forschungslage scheint aber die Bedeutung 'Frier-Winkel, d. h. Stelle/Winkel, in dem es kalt ist' am wahrscheinlichsten zu sein (Derks 2010, S. 109). Damit setzt sich der Name aus zwei Teilen zusammen, der Verbstamm frier- bildet das Bestimmungswort, das Substantiv Winkel das Grundwort. Dabei geht das Verb zurück auf die mittelniederdeutsche bzw. mittelniederländische Form vriesen, vrêsen 'frieren', was sowohl 'Kälte empfinden' als auch 'zufrieren, gefrieren' meinen kann. Winkel basiert auf gleichlautendem mittelniederdeutschen und mittelniederländischen winkel, was 'Ecke, Winkel', in Ortsnamen auch 'eingeschlossenes Stück Land, abgelegener Ort' bedeutet. Diese Zusammensetzung beschreibt die naturräumlichen Gegebenheiten des Siedlungsplatzes ganz gut. Es handelt sich um eine Mulde, die gerodet wurde und in deren Nähe noch heute zwei Bäche verlaufen. Diese Umstände führen dazu, dass Frost und Reif hier stärker ausgeprägt sind und länger bestehen bleiben als in umliegenden Gebieten (Kuhweide/Seidler 2015, S. 21).

    Andere Deutungsversuche, wie die Rückführung des Namens auf eingewanderte Friesen, der Anschluss von Freise- an mittelniederdeutsch frede 'eingefriedeter Raum' oder an mittelniederdeutsch vri 'frei' haben bei näherer Überprüfung keinen Bestand (Kuhweide/Seidler 2017, S. 22-26; Derks 2010, S. 109-110).

    Charlotte Rein

    Literatur: