LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Neroth (Kreis Vulkaneifel)

Nerother Jenisch

Der kleine Ort Neroth in der Eifel (der auch durch die Nerother Wandervögel bekannt geworden ist) ist ein idealtypisches Beispiel für die Entstehung einer Wandergewerbegemeinschaft und ihrer Geheimsprache. Neroth gehörte zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu den Eifelorten, deren Armut sprichwörtlich geworden ist (erinnert sei an das "Weiberdorf" der Eifeldichterin Clara Viebig). Deshalb hatte dort die Not ein Heimgewerbe zur Produktion von Mausefallen und Küchengeräten aus Draht befördert, deren Distribution zu Beginn eine ansässige Landfahrergemeinschaft übernahm, bis die Produzenten selbst mit dem Hausierhandel begannen. Die Nerother Mousfallskrämer, die ihre Waren gut sichtbar überall am Körper trugen, waren bald nicht nur im Rheinland allgemein bekannt. Auf ihren oft wochenlangen Hausierfahrten lernten die Männer auf der Straße und in den Pennen ganz selbstverständlich Rotwelsch, die Sprache aller Landfahrer. Auch ihre Familienangehörigen in Neroth sprachen mit der Zeit ebenfalls Jenisch, wie die Nerother ihren Rotwelschdialekt nannten. Heute ist die Sprache im Ort nahzu ausgestorben, aber eine Erhebung in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte noch Reste des Wortschatzes sichern. Das Nerother Jenisch ist ein "klassischer" Rotwelschdialekt, der nur wenige ortsspezifische Besonderheiten aufweist. Dazu zählen die Wörter Beltje 'Emailletasse', Blafert 'Zahn', Raider 'Magen', Kleetsch 'Krämerware', Munes 'Laus' und die Wendung der Houts hokt e Mätesjen als Charakterisierung eines Verrückten. Diese Belege finden sich in keinem anderen Rotwelschdialekt. Weitere nur kleinräumig im Jenischen von Hunsrück- und Moselorten belegte Wörter sind auch Fleeres 'Kaffee', paternelle 'beichten', Kalaumes 'Unsinn' und Schpuntes 'Geld'. Zwei nur für die Südeifel und den Hunsrück belegte Rotwelschwörter, frangken für 'heiraten' und Härles für 'Jungbauer/Junggeselle' sind sogar noch heute in der Nerother Ortsmundart zu hören, Härles heißt auch der örtliche Junggesellenverein.

Wanderhändler mit verschiedenen Fallen aus Draht Nerother Mausfallenkrämer mit Waren

Alle anderen Wörter, die im letzten Jahrhundert noch erhoben werden konten, sind typische Rotwelschwörter, die in vielen auch überregionalen Rotwelschdialekten zu finden sind, wenn auch in ortstypischer Lautung. Hier einige Beispiele im Sprechzusammenhang des örtlichen Dialekts:

Bill(t) 'Bett' Der hat int Billt jeflossert 'ins Bett gemacht'
botten 'essen' Isch han doft jebott 'gut gegessen'
verschaskeln 'versaufen' Der Houts verschaskelt alles, wat-e Moss herbeidalleft 'der Mann versäuft alles, was die Frau herbeischafft'
Klaffte 'Jacke' Der Houts hod-e neie Klafte
mallbuschen 'sich in Schale werfen' Kuck ees, wie der jemallbuscht as
plattfeesele 'tanzen' Mer woore jester plattfeesele
Schockeleschnall 'Kartoffelsuppe' Die Moss had-en doft Schockeleschnall jeboselt
spannen 'beobachten, aufpassen' Spann ma der Härles 'achte auf den Mann'
Dalles/Talles 'Hunger' Esch honn de Dalles em Raider (eine Nerother Sonderbedeutung, da das jiddische Dalles eigentlich 'Pleite, Ärger' bedeutet).

Peter Honnen

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