LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Grafschaft

Die Dialekte der Gemeinde Grafschaft sind aus dialektologischer Sicht spannend, da hier der ripuarische und das moselfränkische Sprachraum aneinandergrenzen. Daher haben die Mundarten Eigenschaften beider Gebiete übernommen. Dies wird hier näher beschrieben. In diesem Artikel soll daher nicht das Sprachsystem im Vordergrund stehen, sondern die Dialektsprecherinnen und -sprecher aus den Orten Birresdorf, Leimersdorf, Niederich und Oeverich (alle Gemeinde Grafschaft).

Bis in die 1960er Jahre hinein war die Mundart in allen Kommunikationssituationen in den vier Dörfern üblich. Auch neue Bewohner der Orte, die von außerhalb zuzogen, versuchten sich diesen Verhältnissen anzupassen.

Bereits in den 1950er Jahren begannen allerdings Veränderungen, die dafür sorgten, dass sich diese Sprachverhältnisse in den nächsten Jahrzehnten grundlegend ändern sollten. So fand das Fernsehen nach und nach weite Verbreitung in den Dörfern, so dass die Menschen immer häufiger mit dem Hochdeutschen in Kontakt kamen. Dies geschah auch dadurch, dass sie durch eigene Autos mobiler wurden und so über Arbeitsstellen und Freizeitaktivitäten mehr Kontakte außerhalb des Heimatortes hatten. Auch nahm der Zuzug Ortsfremder weiter zu und viele der neuen Bürger erlernten die Grafschafter Dialekte nicht mehr, so dass sich auch im Dorfleben selbst immer mehr Kommunikationssituationen ergaben, in denen die Standardsprache verwendet wurde. Und auch die Dialekte selbst veränderten sich. So verschwanden durch veränderte Arbeitstechniken gerade in der Landwirtschaft und in einigen Handwerksbereichen ganze Wortgruppen und viele der bestehenden Dialektwörter näherten sich in ihrer Lautung dem Hochdeutschen an. Zum Beispiel wurden die langgezogenen Vokale, die für die Dialekte von Birresdorf, Leimersdorf, Niederich und Oeverich typisch waren, als Zeichen eines besonders tiefen Platts empfunden und nach und durch Kurzvokale ersetzt, so dass es fackele statt faackele 'fackeln' oder laf statt laaf 'fade' hieß. Auch die typischen Zwielaute wie in Böisch 'Wald' und Möisch 'Spatz' wurden zugunsten von Bösch und Mösch verändert.

Als (fast) alle noch Dialekt sprachen: Straßenszene aus Oeverich, 1978

Der entscheidendste Einschnitt erfolgte dann in den 1970er Jahren: In dieser Zeit entschieden sich immer mehr Eltern in den vier Dörfern (und auch in vielen anderen Orten des ripuarischen Rheinlandes) dazu, ihren Kindern als erste Sprache nicht mehr den Ortsdialekt, sondern das Hochdeutsche beizubringen. Bedingt war diese Entscheidung durch die Abwertung, die die Dialekte in der vorausgehenden Zeit erfahren hatten und die Befürchtung, dass das eigene Kind als Dialektsprecher und -sprecherinnen schlechtere Chancen auf gute Bildung und eine erfolgreiche Ausbildung haben könnte als andere Kinder. So ist der Dialekt in Birresdorf, Leimersdorf, Niederich und Oeverich zur Sprache der älteren Dorfbewohner geworden und auch sie konnten sich dem Einfluss der Standardsprache nicht erwehren, so dass sich die Mundarten weiter veränderten. Die alltägliche Umgangssprache der jüngeren Leute in der Gemeinde Grafschaft kann als Standardsprache, die mit wenigen dialektalen Ausdrücken und mit Lautungen, die im gesamten Rheinland verbreitet sind, beschrieben werden.

Einen ausführlichen Bericht über den Dialekt in den Dörfern Birresdorf, Leimersdorf, Niederich und Oeverich hat der Oevericher Ottmar Prothmann in der Zeitschrift "Alltag im Rheinland" (2010) veröffentlicht. Er kann hier (PDF-Datei, 296 KB) eingesehen werden.

Literatur: