LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
Logo LVR

"Ech don de Stroet kehre." – Was man mit 'tun' alles machen kann

Sprache, wie sie nicht im Duden steht, zu erforschen und zu dokumentieren, ist das Hauptanliegen der Abteilung Sprache des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (ILR). Das trifft besonders auch für die Spracheigenheiten des Rheinlandes zu, die vom Duden (und auch von manchen Sprechern) negativ bewertet werden. Das ist bei Formulierungen wie Ech don de Stroet kehre ('Ich kehre die Straße.') oder On mir selfs täte och jedes Johr en Sou fettföödere on schlaachte ('Und wir selbst fütterten auch jedes Jahr eine Sau fett und schlachteten sie.') deutlich der Fall: "Die Verbindung von tun mit einem reinen Infinitiv in Sätzen wie Sie tut gerade schreiben oder Er tut das schon erledigen ist eine umgangssprachliche überflüssige Erweiterung des Prädikats. Sie gilt in der Standardsprache nicht als korrekt", heißt es dazu im Duden (Duden 9 2005, S. 835). Und auch bei den FragebogenbearbeiterInnen, die 2005 an einer Untersuchung des ILR teilnahmen, kamen die tun-Sätze nicht gut weg: "Aber ziemlich primitiv" (Kleve, geb. 1929) und "selten, in weniger gebildeten Kreisen" (Mülheim, geb. 1954) ist dort zu lesen.

In den Dialekten des Rheinlandes sind Formulierungen wie diese ganz üblich. Das Vollverb im Infinitiv (kehren, schlachten, schreiben, erledigen) wird dabei durch eine Form von tun (don, täte, tut) ergänzt, welche dann als Hilfsverb dient. Dabei ist tun ein vielfältig einsetzbarer 'Joker', mit dessen Hilfe unterschiedliche Satztypen gebildet werden können, z. B.:

1. Antworten auf Fragen wie Wat mäs do? ('Was machst du?') oder Wat dääs do? ('Was tust du?'):

a. Ich dun koche. ('Ich koche.') (Tiling-Herrwegen 2002, S. 281)
b. Ech don schrieve. ('Ich schreibe.') (RhWb, Bd. 8, Sp. 1447)

Alternativ kann in Sätzen wie diesen auch die rheinische Verlaufsform verwendet werden:

a. Ich ben am koche. ('Ich koche gerade/bin am kochen.')
b. Ech ben am schrieve. ('Ich schreibe gerade/bin am schreiben.')

Oder aber eine Kombination aus tun + rheinischer Verlaufsform:

a. He es am schrieve am don. ('Er schreibt gerade/ist am schreiben tun.') (RhWb, Bd. 8, Sp. 1447)

2. Einen Vorgang in naher Zukunft oder eine besondere Absicht ausdrücken:

a. Dat don ech dech morje vertälle. ('Das erzähle ich dir morgen.') (Hausmann u.a. 2005, S. 67)
b. Wat deis de hügg koche? ('Was kochst du heute?') (Tiling-Herrwegen 2002, S. 279)

3. Eine wiederkehrende Handlung beschreiben (in Vergangenheit oder Gegenwart):

a. Ech don mech jeden Oevend en Jläske Wien drenke. ('Ich trinke jeden Abend ein Gläschen Wein.') (Hausmann u.a. 2005, S. 67)
b. Meng Moter däät-at Bloot opfange en eenem Käißel, fö dann zo Wurschtsupp on Blootwursch ze maache oder där sojenannte Pannes. ('Meine Mutter fing das Blut mit einem Kessel auf, um dann Wurstsuppe und Blutwurst zu machen oder den sogenannten Pannes.') (RP 1989, S. 250)

4. Einer Aufforderung Nachdruck verleihen:

a. Don dä Pott op et Schaap sette! ('Setz/Stell den Topf ins Regal!') (Hausmann u.a. 2005, S. 67)
b. Dun der Kaffee jet stark maache! ('Mach den Kaffee etwas stärker.') (Wrede 2010, S. 191)

Dass es sich bei derartigen Formulierungen mit tun um ein altes Dialektmerkmal handelt, kann man auch an Briefen des 19. Jahrhunderts sehen, die von eher ungeübten Schreiber verfasst wurden, deren Muttersprache Dialekt war. So schreibt Matthias Dorgathen, ein nach Amerika ausgewanderter Bergmann, der ursprünglich aus Mühlheim an der Ruhr stammte, 1881 in die alte Heimat: und Vögel sind da so schön das könt ihr nicht glauben aber singen thun sie ganz schlecht lange nicht so schön wie bei uns in Deutschland (Elspaß 2005, S. 256).

Und auch wenn die tun-Sätze heute häufig belächelt werden – im Rheinland hört man sie nicht nur im Dialekt, sondern auch in der regionalen Alltagssprache. Dann wird aus dialektalem Isch don koche das regionale Ich/Isch tu kochen oder aus Don dä Pott op et Schaap sette! etwa Tu den Pott innet Regal stellen!

Charlotte Rein

Literatur: