LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Rheinische Verlaufsform: am Arbeide...

Eine sprachliche Konstruktion, über die in den letzten Jahren in Internetforen häufig diskutiert wurde, ist die sogenannte rheinische Verlaufsform. Von den einen wird sie hochgelobt ("Selbst komme ich vom Niederrhein und mag die Verlaufsform sehr gerne"), von den anderen verteufelt ("Natürlich kann man das so schreiben, daran ist nichts falsch. Nur dass es umständlich und plump und nicht unbedingt typisch für das Deutsche ist.").
Zankapfel sind Formulierungen wie diese (auf die sich auch das letzte Zitat bezieht): Schwer zu sagen, wer am Arbeiten und wer am Ausgehen ist. Die Verknüpfung der Präposition am mit einem Verb, im Beispiel arbeiten und ausgehen, soll ausdrücken, dass eine Handlung zum Zeitpunkt des Sprechens abläuft und andauert. Das heißt, es ist schwer zu sagen, wer jetzt gerade, in dem Moment, in dem der Satz formuliert wird, dabei ist zu arbeiten bzw. auszugehen. Auch können mit der Konstruktion Aussagen über (all-)täglich wiederholte Vorgänge gemacht werden: Die Kinder sind längst aus der Schule. Michael ist schon am Arbeiten/am Verdienen, Monika ist noch am Studieren (Elspaß 2005, S. 272).

Postkarte mit Erklärung des Wortes "frickeln" Haben Sie die rheinischen Verlaufsformen schon entdeckt? Postkarte mit Erklärung des Wortes "knöttern"

Im Englischunterricht lernen Schülerinnen und Schüler ähnliche Konstruktionen als progressive forms kennen (He is working), im Deutschen werden sie als Progressiv oder Verlaufsform bezeichnet. Die Bekanntheit solcher Formulierungen aus der englischen Sprache führt oft dazu, dass angenommen wird, es handele sich um eine (neue) Entlehnung aus dem Englischen ins Deutsche, und sie werden dann von Sprachpuristen aus diesem Grund abgelehnt, wie das obengenannte Zitat zeigt ("nicht unbedingt typisch für das Deutsche"). Wie die Bezeichnung 'rheinische Verlaufsform' aber schon vermuten lässt, trifft die Annahme einer neuen Entlehnung in diesem Fall nicht zu. Wie Untersuchungen schriftlicher Texte aus dem 19. Jahrhundert zeigen, wird die Konstruktion schon zu dieser Zeit in der deutschen Sprache verwendet und zwar hauptsächlich von Schreibern, die aus dem (Nord-)Westen Deutschlands und der Schweiz stammen. Genutzt wird sie entweder von Autoren in Werken, in denen alltägliche Gespräche wiedergegeben werden sollen, oder in privaten Texten von Menschen, die eher ungeübte Schreiber sind (z. B. Briefe von Auswanderern an ihre daheimgebliebenen Verwandten). So schreibt ein aus Ratingen-Homberg (Kreis Mettmann) stammender ausgewanderter Bauer 1860: Aber kaum war ich eine Woche da, da ließen mir die Mitglieder von seiner Gemeinde keine Ruhe, denen zu helfen, als die an ihrem Kirchhofe am arbeiten waren (Elspaß 2005, S. 269). Formulierungen wie diese lassen darauf schließen, dass die Verlaufsform zu dieser Zeit in den rheinischen Dialekten üblich war. Dies hat sich bis heute nicht verändert. So erzählt ein Bonner Plattsprecher (hier gehts zur Aufnahme aus Bonn ) über Weihnachten: De Motte sät-an: "Die Ängelsche sin im Himmel am Backe." Wä-me mojens en de Kösch kom, roch et do esu, wie wenn ene do jebacke hät. Im Norden des Rheinlands entspricht der Präposition am die Form ant: Op de Wäk nor Hüs was min Muder nok ant Schimpe (Elten, Stadt Emmerich, Kreis Kleve).

Über die heutige Verbreitung der Konstruktion geben die entsprechenden Karten des Atlas zur deutschen Alltagssprache Aufschluss. Hier wird deutlich, dass Sätze wie Sie ist noch am Schlafen heute in der alltäglichen Sprache im gesamten deutschen Sprachgebiet verwendet werden. Aber es gibt einen Unterschied in ihrer regionalen Verbreitung: In der gesamten Westhälfte Deutschlands und in der Schweiz geben die Befragten an, dass bei ihnen diese Formulierung "schon immer" üblich ist, während in der Osthälfte Deutschlands und in Österreich die Antworten "ja, aber erst seit einigen Jahren", vereinzelt auch "völlig unüblich" überwiegen. Ergänzt man die Verlaufsform um ein Objekt (Ich bin gerade die Uhr am Reparieren) zeigt die Karte ein anderes Bild: Diese Variante ist nur im mittleren Westen Deutschlands und in der Schweiz üblich, also in den Regionen, in denen ihr dialektaler Ursprung vermutet wird. So heißt es beispielsweise in einer Erzählung aus Bienen (Stadt Rees, Kreis Kleve): Mädachs een Üür, de School was üt, Muder hat al et Water ant Kooke, on Küpen on Bläkome (Bottiche und Blechschüsseln) stunne parat. Und ein Dialektsprecher aus Bonn berichtet über das Weihnachtsfest 1949: Un so wor och dann der Hailischovent etwas ärmlisch, dat Tannebömsche wor zwa am Brenne, äve die Jeschängke, die woren doch arsch rar.

Im Duden ist die Verlaufsform nicht als regionalspezifische Form gekennzeichnet, sie wird allgemein der Umgangssprache zugewiesen. Aber auch in der geschriebenen Sprache kann sie beobachtet werden, zum Beispiel in Zeitungen: Die Leute sind bei Wind und Wetter am Arbeiten (Neue Westfälische) (VG).

Es handelt sich also um einen aktuellen und spannenden Wandelprozess, der in der Sprachwissenschaft auch als Grammatikalisierungsprozess bezeichnet wird: Eine ehemals dialektale, und damit mündliche Variante wird allmählich auch im gesprochenen Hochdeutschen und sogar im schriftlichen Gebrauch üblich. Grund hierfür ist vermutlich, dass die Form Ausdrucksmöglichkeiten bietet, die im Hochdeutschen noch nicht (optimal) vorhanden sind.

Charlotte Rein

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