LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Historische Sprachverhältnisse

Bis ins 16. Jahrhundert benutzten die wenigen Menschen, die schreiben konnten, regionale Schreibsprachen (wenn sie nicht Lateinisch schrieben). Eine Urkunde der Stadt Aachen aus dem Jahr 1450 begann mit folgenden Worten:

Wir burgermeister scheffen ind rait des konyncklichen stoils ind stat Aiche doin kont ind bekennen oevermitz desen offenen breiff vur uns ind vor unse naekomlinge…

Übersetzung: "Wir Bürgermeister, Schöffen und Rat des königlichen Stuhls und der Stadt Aachen tun kund und bekennen mit diesem offenen Brief (mit dieser Urkunde) für uns und für unsere Nachkommen…"

Ausschnitt aus der Klevischen Chronik von Gerard van der Schueren aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts schrieb man in Kleve etwa so: Deseselue Jonghelynck soe men in alden historien vyndet was geheyten Elyas / komende vyt den ertschen paradijse / dat somighen den Grail núemen… Übersetzung: "Dieser Jüngling hieß, wie man in alten Historien findet, Elias; er kam aus dem irdischen Paradies, das manche Gral nennen."
Gemeinsam war den Schreibsprachen an Rhein und Maas die Kennzeichnung langer Vokale: Es wurde ein e oder i (oder auch ein y) nachgestellt: stoils, Aiche, naekomlinge, soe, Grail… In Ortsnamen wie Kevelaer oder Troisdorf hat sich diese alte Schreibtradition bis heute gehalten.

Im 16. Jahrhundert kam es zu einem sprachhistorischen Umbruch. Die einheimischen und mit den örtlichen Dialekten verzahnten Schreibsprachen wurden durch neue, großräumige Schriftsprachen ersetzt, die sozusagen 'importiert' wurden: in den meisten Gebieten des Rheinlandes war dies das Hochdeutsche, am Niederrhein fasste das aus dem Westen übernommene Niederländische Fuß. Es entwickelten sich in der Folge auch Übergangsgebiete, die zweisprachig wurden, so dass hier in den Schulen der Unterricht in beiden Schriftsprachen erteilt wurde. Erst die preußische Sprachpolitik im 19. Jahrhundert führte zur Aufgabe des Niederländischen im nördlichen Rheinland.

Als Sprechsprache dominierte bis ins 19. Jahrhundert, vielerorts bis ins 20. Jahrhundert der Dialekt. Allerdings sorgte der im 19. Jahrhundert erheblich verbesserte Schulbesuch dafür, dass immer mehr Menschen auch das Hochdeutsche erlernten. Die Alphabetisierung machte bedeutende Fortschritte. Als sich die Kenntnisse des Hochdeutschen dann nicht mehr nur auf das Lesen und Schreiben beschränkten, sondern auch das Sprechen einschlossen, mussten sich die Menschen im Rheinland entscheiden: "Wann und mit wem spreche ich Platt, mit wem Hochdeutsch?" Im 20. Jahrhundert nahm dann die Zahl der Dialektsprecher und Dialektsprecherinnen rapide ab: viele Menschen erlernten das Platt (den Dialekt, die Mundart, das Kölsche) nicht mehr. Regionale Umgangssprachen wurden zur Alltagssprache.


Literatur (Zitate):

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