LVR-Institut für Landeskunde
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    Karte der Limitscheidung Kaldenkirchens 1776 © Esther Weiss, LVR-ILR Karte von Kaldenkirchen aus dem Jahr 1776 aus dem Rheinischen Städteatlas

    Kaldenkirchen ist ein Stadtteil von Nettetal im Kreis Viersen in Nordrhein-Westfalen und liegt direkt an der deutsch-niederländischen Grenze. Der dort gesprochene Ortsdialekt lässt sich dem Südniederfränkischen zuordnen, denn der Ort ist südlich der Uerdinger Linie zu finden.

    Dies wird an mehreren Stellen auf dem Wenkerbogen deutlich, der 1884/85 von Georg Wenker an die Lehrer:innen in Deutschland versendet wurde, mit der Bitte, die dort angegebenen hochdeutschen Sätze in den jeweiligen Ortsdialekt zu übertragen. Man erkennt, dass die Zweite Lautverschiebung nicht durchgeführt wurde:

    Satz Nr. 4 des Kaldenkirchener Wenkerbogen Satz Nr. 4 des Kaldenkirchener Wenkerbogen (Regionalsprache.de)

    4. De gaun ohe Mon es met et Päerd dor et Is gebroake, on en dat ko(a)t Water gefallen.

    Satz Nr. 4 weist alle unverschobenen Plosive auf; p in Päerd, k in gebroake und t in Water sind alle erhalten geblieben. Weiterhin wurde p auch an anderen Stellen im Wenkerbogen bewahrt, beispielsweise in op, Peäper, gelope, schloape und verkoope, k wurde beispielsweise in Melk, koaken und make beibehalten. Besonders häufig fällt das beim Diminutiv –ke auf: Appelebömkes, Ogenblekske, Vogelkes, Stöckske. Schließlich wurde t in bäeter, Titen, geschmolte und twelf nicht verschoben.

    Der Wenkerbogen zeigt auch, dass sich die neuhochdeutsche Diphthongierung in Kaldenkirchen nicht durchgesetzt hat. schnie, Is, Wien, Füer, Titen, Bure, Hüser, Müerke, Lüund Hus weisen alle noch die Monophthonge i, ü und u auf.

    Beispiele für die rheinische Velarisierung lassen sich auch finden. An Kenk, onger, Angern, Go(a)nk und Honk erkennt man, wie nd und nt zu ng und nk werden – ein typisches Phänomen, das sowohl im südfränkischen als auch im ripuarischen Sprachraum zu finden ist.

    Interessant ist auch die Betrachtung der Personalpronomen im Wenkerbogen:

    Die Personalpronomen des Südniederfränkischen sind nahezu identisch mit denen der mitteldeutschen Dialekte, bis auf die 3. Person Singular Maskulinum, die he lautet. Dadurch unterscheidet sich das Südniederfränkische auch vom Kleverländischen, wo das Pronomen hej ist. He taucht mehrfach im Wenkerbogen auf, zum Beispiel im Satz 22: Me mott hart schreie, ongersch versteht heä os net. He ist aus einer alten Mischform her entstanden und war ursprünglich bis an die Uerdinger Linie und sogar in Köln gebräuchlich, doch und nach schrumpfte das Gebiet immer weiter zusammen.

    Die Pronomen ihr und euer sind zusammengefallen zu örr, was man beispielsweise an den Sätzen 28 und 29 erkennen kann:

    Sätze Nr. 28 und 29 des Kaldenkirchener Wenkerbogen Sätze Nr. 28 und 29 des Kaldenkirchener Wenkerbogen (Regionalsprache.de)

    28. Örr dörft net sonn Kengereien drive.

    29. Os Bärg sind nett ärg huech, de örr sind völl höcher.

    Ein Alleinstellungsmerkmal hat Kaldenkirchen hinsichtlich des Pronomens der 1. Person Plural: In Kaldenkirchen wird ausschließlich förr verwendet (siehe Satz 12, 23, 24 und 27), nicht woer, wie es die Umgebung sagt.

    Literatur: