LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
Logo LVR

Ausflug nach Münster: Wo die Mischpoke Leeze fährt

Vom 11.09.–13.09.2019 fand an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung e.V. mit dem Thema "Bewegte Namen" statt. Auch die Sprachabteilung des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte ist nach Westfalen gereist, um drei Tage lang mit Forschenden aus anderen Institutionen über Ortsnamen, Vor- und Familiennamen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern zu diskutieren. Neben historischen Themen wie die "Verhochdeutschung" von schweizerdeutschen Ortsnamen im 19. Jahrhundert, standen auch ganz aktuelle Fragestellungen wie die nach den Entscheidungsgründen bei der Ehe- und Familiennamenwahl auf der Tagungsordnung.

Abgerundet wurde das Programm von einer namenkundlichen Stadtführung, die Studierende in einem Seminar erarbeitet hatten. Neben allgemeinen Informationen zur Stadt Münster standen besonders die Namen in der Stadt im Vordergrund: Biernamen, Straßennamen, Unternehmensnamen, Kneipennamen und andere mehr.

Werbekarte für die Aktion "Münster Klimaschutz 20150"

Besonders ins Auge gefallen ist dabei der Name eines neuen, sehr modern gestalteten Cafés: "Korn & Knierfte". Was Knierfte bedeutet, kann sich die Rheinländerin noch denken, denn das sehr ähnlich klingende Wort Knifte 'Butterbrot' gibt es auch in der rheinischen Umgangssprache. Doch beim Blick auf die Speisekarte wird es schwieriger: Was ist ein "joveles Frühstück"? Wie schmecken "hamele Salate"? Und was erwartet einen, wenn man "töfte Biere & Weine" bestellt? Zum Glück können die Münsteraner Studierenden schnell Licht ins Dunkle bringen: All diese Worte stammen aus der Münsteraner Geheimsprache "Masematte": jovel bedeutet 'gut, schön', hamel 'groß, viel' und töfte 'gut, toll, prima'. Die Masematte gehört zu den Rotwelschdialekten und entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde von mobilen Händlern und Gewerbetreibenden (wie Vieh- oder Pferdehändlern) gesprochen. Sie nutzten die Geheimsprache, um von möglichen Zuhörer nicht verstanden zu werden, etwa, um illegale Machenschaften zu vertuschen. Wie bei anderen Rotwelschdialekten auch, setzt sich der Wortschatz der Masematte aus jiddischen Wörtern, Dialektwörtern, originellen Umdeutungen, Ableitungen und phantasievollen Eigenschöpfungen zusammen. Vergleichbare Geheimsprachen sind im Rheinland ebenfalls überliefert, z. B. aus Kofferen, Neroth oder Speicher. Aber auch wenn die Aufmachung des Cafés anderes vermuten lässt: Gesprochen wird die Masematte in Münster heute nicht mehr, nur wenige Worte, wie die auf der Speisekarte verwendeten, sind auch heute noch bekannt. Auch in anderen Regionen begenen uns in der Alltagssprache Wörter aus dem Rotwelschen (bzw. über das Rotwelsche vermittelt): Kohldampf 'Hunger', Mischpoke 'Familie, Verwandtschaft' oder verschütt gehen 'verloren gehen'.

Am Ende der Stadtführung bekamen alle Teilnehmenden ein kleines Andenken: eine Postkarte mit einem Spruch auf Masematte. Entworfen wurden die Karten ganz aktuell vom Amt für Grünflächen, Umwelt und Nachhaltigkeit der Stadt Münster im Rahmen der Aktion "Münster Klimaschutz 2050". In Szene gesetzt wird dabei zum Beispiel das wohl bekannteste Masematte-Wort, das Münsters beliebtestes Verkehrsmittel bezeichnet: die Leeze 'Fahrrad'. Damit wird diese alte Sprachvariante heute wieder neu ins Gedächtnis gerufen.

Charlotte Rein

Literatur:

Bildnachweis: