LVR-Institut für Landeskunde
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„Aber Fronleichnam fällt nicht aus!“ - Wortgeschichte eines Feiertages

Nach Ostern und Pfingsten begehen wir mit Fronleichnam am 11.06.2020 den nächsten Feiertag im "Krisen-Modus": Ob religiöse (Besuch des Ostergottesdiensts) oder weltliche (Festivalbesuch) Rituale – in diesem Jahr läuft alles ein bisschen anders als gewohnt. So auch an Fronleichnam: Zwar sind inzwischen Gottesdienste wieder möglich, doch Prozessionen, wie sie an diesem Festtag in vielen Gemeinden begangen werden, dürfen noch nicht stattfinden. Doch wie der Stadt- und Domdechant von Köln, Msgr. Robert Kleine, in einem Interview mit dem Kölner Domradio sagte: "Aber Fronleichnam fällt nicht aus!", es wird nur in veränderter Form gefeiert, in Köln etwa mit einem Freiluftgottesdienst auf dem Roncalliplatz mit Kardinal Woelki.

Doch was feiern Christ*innen an Fronleichnam eigentlich? Und wie kam das Fest zu seinem Namen?

Liturgisch wird Fronleichnam "Hochfest des Leibes und Blutes Christi" genannt und steht damit in enger Beziehung zu Gründonnerstag: An diesem Tag setzte Jesus Christus die Eucharistie ein, die Wandlung von Brot und Wein in sein eigen Leib und Blut. Da ein großes Fest jedoch nicht in die Stille der Karwoche passt, wird es am 2. Donnerstag nach Pfingsten nachgefeiert, seit 1246, angestoßen durch eine Vision der Augustine Nonne Juliane von Lüttich 1209. Neben Gottesdiensten finden an diesem Tag Prozessionen statt: In einer Monstranz wird die gewandelte Hostie, der Leib Christi, durch die festlich geschmückten Straßen der Gemeinden getragen. In vielen Orten wurden und werden für die Prozession in mühsamer Kleinarbeit Blumenteppiche gelegt, und das bereits seit dem Mittelalter.

Blumenteppich auf einer Dorfstraße für die Fronleichnamsprozession Blumenteppich für die Fronleichnamsprozession in Kappel (Hunsrück), © LVR-ILR Fronleichnamsprozession mit vielen Menschen und Fahnen Fronleichnamsprozession in Köln 2010, im Hintergrund unter dem Baldachin die Monstranz, © Peter Weber/LVR-ILR

Und der Name Fronleichnam? Er benennt ganz einfach das Wichtigste an diesem Feiertag: 'Körper/Leib des Herren' bedeutet die Bezeichnung; eine Teilübersetzung der lateinischen Festbezeichnung corpus christi 'Köper/Leib Christi'. Fronleichnam setzt sich aus zwei, präziser sogar drei, althochdeutschen Wörter zusammen. Fron ist die verkürzte Genitivform von frō 'Herr' (Genitiv Plural frōno 'der Herren/der Götter'). Diese Bezeichnung konnte sich sowohl auf weltliche als auch auf göttliche Herren beziehen, ebenso wie das davon abgeleitete Adjektiv frōno 'rechtlich, gerichtlich, öffentlich; göttlich'. Heute steht Fron zwar noch im Wörterbuch (mit der Bedeutung 'unentgeltliche Arbeit leibeigener und höriger Bauern für den Grund- oder Gutsherrn im Feudalismus'), bekannt ist es uns aber eigentlich nur noch in Zusammensetzungen wie Frondienst, außerdem begegnet es noch in Straßennamen wie Am Fronhof.

Der zweite Teil der Festbezeichnung, Leichnam, ist heute natürlich noch bekannt. Allerdings, und das wird bei der Bedeutungsangabe 'Körper/Leib des Herren' deutlich, in verengter Form. Das alt- und mittelhochdeutsche Wort līch konnte sowohl allgemein 'Körper, Leib' als auch 'Leichnam' bedeuten und sich somit sowohl auf lebendige als auch auf tote Menschen beziehen. Vermutlich im dichterischen, poetischen Kontext wurde das Wort zu līch-hinamo erweitert (mit gleicher Bedeutung), hinamo bedeutete 'Hülle, Kleidung, Haut' (unser heutiges Hemd stammt auch aus dieser Wortfamilie). In Fronleichnam steckt also die allgemeine Bedeutung 'Körper'. Wie kam es nun zu der Bedeutungsverengung 'Leiche, toter Körper'? Im 13. Jahrhundert, in der mittelhochdeutschen Sprachperiode, wurde aus dem lateinischen corpus die deutsche Form korper 'Körper' entlehnt. Diese wurde zunehmend verwendet und verdrängte die älteren Formen līch und līcham(e), die in der Folge nur noch zur Bezeichnung von toten Körpern verwendet wurden. Diese Zweiteilung hat sich bis heute erhalten.

In den Dialekten des Rheinlandes ist übrigens Fronleichnam die jüngere Bezeichnung für den Festtag, ursprünglich waren Herrleichnamsdag, Leichnamsdag oder Gottsdracht üblich. Letzteres hat sich zum Beispiel in der "Mülheimer Gottestracht" (zu tragen), einer Schiffsprozession im Kölner Stadtteil Mühlheim, erhalten. Bezugnehmend auf die Blumenteppiche bei den Prozessionen kennt das Rheinische Wörterbuch aus den Dialekten des Rheinlandes auch einige Bauernregeln zum Tag (Bd. 2, Sp. 825): Düren de Blome Fronleichnam net am Aldor, su get et kän got Johr 'Trocknen die Blumen Fronleichnam nicht am Altar, so gibt es kein gutes Jahr' oder Wenn's Fronleichnamsdag rent, krein mer ke sche Hauwere 'Wenn es am Fronleichnamstag regnet, kriegen wir kein schönes Heuwetter'.

Literatur: