LVR-Institut für Landeskunde
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Dialekt und Demenz: "Unvergesslich. Ein Chor für Menschen mit Demenz"

"Uns Sproch is Heimat" lautete das Motto der Kölner Karnevalssession 2018/2019. Sprache, gemeint ist hier die jeweilige Muttersprache eines Menschen, vermittelt also immer etwas Vertrautes, Bekanntes und gibt damit Sicherheit. Muttersprache kann natürlich auch ein Dialekt sein: Für viele Rheinländer*innen, die vor den 1970er Jahren geboren worden sind, ist der jeweilige Ortsdialekt, den ihre Eltern mit ihnen gesprochen haben, die erste Sprache gewesen. Für die allermeisten von ihnen hat dann spätestens mit der Schulzeit die hochdeutsche Standardsprache an Bedeutung gewonnen, denn diese (bzw. eine regionalgeprägte Form von ihr) hat in den vergangenen 50 Jahren in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens die Dialekte abgelöst.

Die Kölner Schauspielerin und Komikerin Annette Frier hat in einem Interview mit dem Online-Magazin "Goldene Kamera" nun einen ganz besonderen Aspekt von "uns Sproch is Heimat" beschrieben. Für das ZDF hat die Kölnerin seit Januar 2020 ein ganz besonderes Doku-Format begleitet: "Unvergesslich. Unser Chor für Menschen mit Demenz" heißt die Sendung nach britischem Vorbild. Drei Monate lang musizierten Menschen mit Demenzerkrankung gemeinsam; begleitet wurde das Projekt von einem wissenschaftlichen Team, dass untersucht, ob sich singen positiv auf das Wohlbefinden der erkrankten Teilnehmer*innen auswirkt. Musikalisch geleitet wurde der Chor von Eddi Hüneke, ehemaliger Sänger der bekannten Kölner A-cappella-Band "Wise Guys".

Drei Chormitglieder singen zusammen. Bei der Chorprobe: Annette Frier und Mitglieder des Projekts

In dem Interview wurde Annette Frier nun gefragt, was der schönste Moment der Produktion war. Ihre Antwort: "Die kölschen Lieder beim Einsingen und zum Ausklang. Wir waren sehr 'rheinisch sozialisiert'. Sobald wir Kölsch gesungen haben, waren die Chormitglieder dermaßen textsicher, dass sie das komplette Lied von der ersten bis zur letzten Strophe beinahe alleine hätten schmettern können." Hier zeigt sich ganz deutlich: Für die demenziell beeinträchtigten Sänger*innen ist das Kölsche mehr "Heimat" als das Standarddeutsche, es scheint besser oder zumindest anders, vielleicht "tiefer", im Gehirn verankert zu sein und sie haben (noch) einen besseren Zugriff darauf. Diese Beobachtung schildern auch Pflegekräfte aus dem alltäglichen Umgang mit Erkrankten: Der Dialekt geht ihnen noch flüssiger von den Lippen und spricht man sie in dieser Sprachform an fühlen sie sich sicherer und sind ruhiger. So wird die Verwendung von Dialekt – wenn ihn denn die Pflegekräfte beherrschen – auch von Demenzratgebern empfohlen, da dies zum Wohlbefinden der Menschen beitragen kann.

Die Dokumentation "Unvergesslich. Unser Chor für Menschen mit Demenz" ist ab dem 14.07.2020 in der ZDF-Mediathek und ab dem 21.07.2020 wöchentlich im Fernsehprogramm des Senders zu sehen.

Literatur:

Bildnachweis: