LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Rheinische Redewendungen in Rheinbach

Im April und Mai 2019 besuchten die LVR-Sprachwissenschaftlerinnen Sarah Puckert und Charlotte Rein die Deutschkurse der 9. Jahrgangsstufe der Gesamtschule Rheinbach, um den Schüler*innen einen kleinen Einblick in die Arbeit der Sprachabteilung des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (ILR) zu geben. Im ersten Teil der Stunde wurde gemeinsam eine regionalsprachliche Tonaufnahme aus Köln analysiert: Die Jugendlichen wurden zu Sprachdetektiv*innen und konnten schon nach kurzer Zeit zahlreiche Merkmale, die typisch für die rheinische Alltagssprache sind, heraushören. Im Anschluss daran stand eine weitere sprachwissenschaftliche Untersuchungsmethode im Mittelpunkt: der Fragebogen. Die Wissenschaftlerinnen hatten einen Fragebogen zum Thema "Redewendungen im Rheinland" vorbereitet, den die Schüler*innen ausfüllten. Sie sollten für zehn Redewendungen jeweils angeben, ob sie diese a) kennen und verwenden, b) kennen, aber selbst nicht verwenden oder c) nicht kennen. Zurück im ILR haben Sarah Puckert und Charlotte Rein nun mit der Auswertung der 162 Fragebögen begonnen.

Erste Ergebnisse zeigen, dass sich die zehn abgefragten Redewendungen grob zu zwei Gruppen zusammenfassen lassen: Die erste Gruppe umfasst die Wendungen, die viele der Schüler*innen kennen und die einige von ihnen auch noch in ihrer Alltagssprache verwenden: jmd./etw. nicht abkönnen, am Rad drehen, Schicht im Schacht, etw. mit Schmackes machen und auf die Schnüss kriegen. Am bekanntesten ist der Ausspruch am Rad drehen: Insgesamt 86 % der Schüler*innen gaben an, ihn zu kennen und viele von ihnen verwenden ihn auch selbst, meist mit der Bedeutung 'verrückt sein/werden', 'durchdrehen' oder 'ausrasten'.

Einzelne Schüler*innen nutzen die Redewendung aber auch, um Freude oder Verwunderung auszudrücken (Das gibt es doch nicht, ich dreh am Rad wie toll!). Ähnlich geläufig sind auch etw. mit Schmackes tun und Schicht im Schacht mit gut 80 % Bekanntheit. Auf die Schnüss kriegen und etw./jmd. nicht abkönnen sind mit 72 % bzw. 60 % ebenfalls weitverbreitet. Etw./jmd. nicht abkönnen verstehen die Schüler*innen dabei als 'jmd. nicht mögen/leiden können' oder 'etw. ablehnen'; für auf die Schnüss kriegen ist hauptsächlich die Bedeutung 'eine auf’s Gesicht kriegen' bekannt, wird aber auch generell für 'Ärger bekommen' verwendet. Einen Rückschluss auf die aktive Verwendung der Redewendungen in der Umgangssprache der Jugendlichen kann man auch daraus ziehen, dass sie auch den Schüler*innen bekannt sind, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Gerade wenn innerhalb der Familie überwiegend oder ausschließlich beispielsweise Arabisch, Türkisch oder Russisch gesprochen wird, kann davon ausgegangen werden, dass die Jugendlichen Formulierungen wie am Rad drehen oder etwas mit Schmackes tun durch ihre gleichaltrigen Freund*innen kennengelernt haben.

Zur zweiten Gruppe können folgende fünf Redewendungen gezählt werden: einem wat anne Backe labern, Fenster/Tür bei machen, wat anne Füße haben, den Molli machen und einen Ratsch am Kappes haben. Diese sind den Jugendlichen deutlich weniger geläufig als die Wendungen der Gruppe 1, verwendet werden sie von den meisten Schüler*innen nicht. Die größte Bekanntheit innerhalb der Gruppe 2 haben die Aussprüche einem wat anne Backe labern, Fenster/Tür bei machen und wat anne Füße haben (40—46 %). Schlusslichter sind den Molli machen und einen Ratsch am Kappes haben – nur 32 % bzw. 16 % der jungen Rheinbacher*innen gaben an, diese Wendungen zu kennen.

Das gerade einen Ratsch am Kappes haben von vielen Schüler*innen nicht verstanden wird, liegt wohl an den zwei dialektalen Begriffen, die die Redewendung beinhaltet und die den meisten jungen Leuten nicht mehr geläufig sind: Ratsch 'Riss' und Kappes 'Kohl, übertragen: Kopf'. Einige der Schüler*innen gaben aber an, die Wendung zu kennen und zwar in der Bedeutung 'verrückt sein, eine Macke haben, nicht mehr alle Tassen im Schrank haben'.

Sarah Puckert & Charlotte Rein