LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
Logo LVR

Fernweh auf dem Teller: Toast Hawaii

Ihr Lieben,

wir sind heute ganz schön spät in unserem Ferienhaus angekommen und hatten Hunger. Zum Glück haben wir schon ein paar Vorräte eingekauft, also gab es Toast Hawaii. Das geht ja schnell. Habe ich ewig nicht mehr gegessen …

Schöne Grüße nach Hause!

Foto: Gabriele Dafft/LVR-ILR

Kulinarische Reiseerfahrungen können ebenso zu neuen Geschmacksvorlieben führen wie ein neues Restaurant um die Ecke. Gelegentlich sind es aber Imaginationen von Exotik oder cleveres Marketing, die neue Akzente im heimischen Speiseplan setzen. Fernweh lebt sich eben auch auf dem Teller aus. Ein schönes Beispiel dafür ist der Toast Hawaii. Um das genauer anzuschauen, reisen wir zwar nicht nach Hawaii, aber zurück in die 1950er Jahre.

In den 1950er und frühen 1960er Jahren machte Clemens Wilmenrod als erster Fernsehkoch Deutschlands Karriere. Durch Wilmenrod – eigentlich Schauspieler ohne professionelle Kochausbildung – wurde das Toast Hawaii bekannt. Hinter der kühnen Bezeichnung des eher simplen Gerichts verbarg sich: Eine Scheibe Toastbrot, geröstet und mit Butter bestrichen, darauf eine Scheibe gekochter Schinken, eine Scheibe Ananas aus der Konservendose und eine Scheibe Käse. Ab in den Ofen, überbacken und voilà: Fertig ist der Toast Hawaii! Typisch für Wilmenrod war, dass er den Kreationen abenteuerliche Namen gab, aber ganz herkömmliche Zutaten verwendete. Der Toast Hawaii wurde schnell populär, weil er perfekt in die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders passte. Man war wieder zu Wohlstand gekommen, konnte reichlich essen und wollte das auch. Also griff die konsumfreudige Nachkriegsgesellschaft gerne zu Industrieprodukten wie Formschinken, Dosenobst und Schmelzkäse. Mit der geradezu dekadenten Kombination von Wurst und Käse auf ein und derselben Schnitte, ließ sich trefflich beweisen, dass man wieder aus dem Vollen schöpfen konnte. Die Ananas vermittelte Südsee-Feeling und Exotik, als die Deutschen langsam ihre Reiselust entdeckten, Fernreisen für die breite Gesellschaft aber noch sehr lange undenkbar waren. Wenige Jahre nach dem ursprünglichen Rezept wurde die Zutatenliste für den Toast erweitert, eine Käsewerbung soll dazu den Anstoß gegeben haben. Nun krönte eine Cocktailkirsche, alternativ Preiselbeerkompott die Kreation. Eine einfache aber effektvolle Garnitur, mit der man die Servierkünste der gehobenen Küche imitieren konnte. Zur wahren Besonderheit aber wurde das Gericht erst durch seinen Namen.

Luxus landet in Dosen: Die Ananas

Illustration: Arbeiter auf einer Ananas-Plantage Hawaii war lange Zeit das populärste Ananas-Anbaugebiet. Bild: Hawaiian Pineapple Packers' Association (1914) How We Serve Hawaiian Canned Pineapple, Honolulu. Konservendose mit Ananas und rote Blüten Exotik in Dosen: Konservierte Ananas. Foto: Gabriele Dafft/LVR-ILR

Den Namen verdankt das Schnittchen vor allem der Ananas oder vielmehr der polynesischen Inselgruppe, auf der sie angebaut wird. Die Frucht galt bereits im 18. Jahrhundert als Innbegriff von Exotik und Extravaganz, sie verbreitete einen Hauch Luxus, den sich zuerst nur die Aristokratie später auch das wohlhabende Bürgertum leisten konnte. Mit Ende des 19. und Anfang des 20 Jahrhundert boomten Ananas-Plantagen auf Hawaii. Unternehmer wie James Drummond Dole verarbeiteten die geernteten Früchte vor Ort in einer Konservenfabrik. Die Früchte wurden im großen Stil vertrieben und Hawaii zum Hauptexporteur, bevor es in den 1950er Jahren von den Philippinen und Thailand abgelöst wurde.

Dennoch assoziierte man die Ananas in Deutschland mit Hawaii. Eine Besonderheit der deutschen Küche ist bis heute, dass sich verschiedene zum Teil kuriose Gerichte etablierten, die Ananas mit Käse und Schinken kombinieren und sich mit dem Inselnamen schmücken: Schnitzel Hawaii, Hackbraten Hawaii, Nudelauflauf Hawaii und natürlich die in Italien eher unbekannte Pizza Hawaii, die zum Standardsortiment deutscher TK-Theken und Pizzadienste gehört.

Vom Südseetraum zum „Proletentoast“

Wilmerods Exotik in Schichten war ein einfaches Gericht, dass „die Hausfrau“, an die sich seine TV-Schau „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“ vor allem wendete, ohne großen Aufwand zubereiten konnte. Die Sendung folgte ganz dem zeitgenössischen Rollenbild, nach dem die Frau für das Bekochen der Familie zuständig war. Die Macher der Schau erkannten, dass wegen der wachsenden Berufstätigkeit von Frauen der Bedarf an schnellen Gerichten aufkam. Der Toast bot darüber hinaus eine Abwechslung zu der damals verbreiteten deftigen, schweren deutschen Kochkultur: Braten, Sauerkraut und Klöße, sättigende Eintöpfe. Das Schichtwerk sollte aber keineswegs den klassischen Sonntagsbraten ersetzen, es war vielmehr eine unkomplizierte Speise für den Abend, eine Zwischenmahlzeit oder ein originelles Partyessen, das das Flair der großen weiten Welt verbreiten sollte. Gaststätten und Restaurants führten das Gericht bis in die 1970er Jahre, manchmal noch deutlich länger in den Speisekarten. Doch das Image des Toast Haiwaii wandelte sich. Es war nicht mehr der letzte Schrei auf dem Buffet. Ein Verständnis für gesunde Ernährung, neue Körperbilder, die sich an Schlankheit und Fitness orientierten und eine sich ausdifferenzierende Imbisskultur sind Gründe dafür, dass der Toast Hawaii plötzlich alt aussah. Die Zutatenliste wollte nicht mehr so ganz zum modernen Lebensstil passen. Nach heutigem Verständnis steht Weißbrot für eine eher wenig nahrhafte Brotsorte, gepökeltes Fleisch und Wurstkonsum werden aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen zunehmend kritisch gesehen und der im Toast Hawaii früher so gerne verwendete Schmelzkäse ist als hochgradig industriell hergestelltes Produkt entlarvt. Und die Ananas? Dosenobst liegt längst nicht mehr im Trend, im Bewusstsein der Konsument*innen sind die konservierten Früchte keine wertige und echte Alternative zu frischem Obst. Die Ananas ist heutzutage als ganze Frucht täglich verfügbar und günstiger zu haben als noch in den 1950 bis 70er Jahren. Der soziale Abstieg des Toast Hawaii spiegelt sich vielleicht am besten in der wenig charmanten Bezeichnung, die eine schweizer Zeitung dem Gericht verlieh: „Proletentoast“.

Ein Nischendasein auf Retrobuffets?

In der Partyküche mit Fingerfood und Co. findet der Toast nicht mehr so recht seinen Platz. Er führt ein wenig glamouröses Nischendasein und wird allenfalls noch als augenzwinkernder Bestandteil auf Retrobuffets serviert. Als schneller Imbiss kommt er auch heute noch auf den Tisch, wenn man Appetit auf etwas Warmes hat, aber keine Lust zu kochen. Wenn es schnell gehen soll und es ein bisschen mehr sein darf als eine schlichte Stulle. Toast Hawaii ist heut eher Notlösung als originell. Doch manchmal erhebt sich der Toast zu neuem Glanz: Wenn findige Köch*innen eine Gourmetvariante kredenzen und dazu hochwertige Zutaten verwenden: Parmaschinken und Birne werden dann mit Gorgonzola überbacken, Schwarzbrot und Serrano-Schinken mit Manchego-Käse kombiniert. Entsprechende Rezepte sind in Kochportalen oder zeitgenössischen Kochsendungen zu entdecken. Die Verwandtschaft zum ursprünglichen Toast Hawaii lässt sich nur noch erahnen.

Übrigens Rezept: Ob Clemens Wilmenrod tatsächlich der Erfinder des Toasts ist, darüber entstand schon bald ein Streit. Wie selbstbewusst, dramatisch und wortreich der kochende Schauspieler aber selbst die einfachsten Gerichte als geniale Erfindung anpries, zeigt der folgende Clip aus seiner Sendung. Sollte Ihnen jetzt also nicht nach Toast Hawaii sein, dann probieren Sie doch mal Wilmenrods „Gefüllte Erdbeere“. Ich verspreche Ihnen, Ihre Einkaufsliste bleibt kurz, sehr kurz. Sie brauchen nur eine Erdbeere und eine Mandel!

"Gefüllte Erdbeere" von Clemens Wilmenrod

Inhalte von YouTube anzeigen?

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen. Hinsichtlich weiterer Details beachten Sie bitte die Hinweise auf den Seiten des externen Angebots.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Text: Gabriele Dafft

Literatur und Quellen

Literatur

Hirschfelder, Gunther: Europäische Esskultur. Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute. Frankfurt a.M./New York 2001.

Mormann, Ruth E. (Hrsg.): Essen und Trinken in der Moderne. Münster 2006.

Joffe, Josef: Toast Hawaii. In: Michael Miersch, Henryk M. Broder, Josef Joffe, Dirk Maxeiner: Früher war alles besser: Ein rücksichtsloser Rückblick. München 2010

Quellen

Annette Wirthlin: Ein Taost auf den Proletentoast. Artikel im "Tagblatt" vom 27.01.2015 über den "Proletentoast"

Heidi Driesner ntv Beitrag über den Fernsehkoch Clemens Wilmenrodvom 24.01.2015

Michael Neudecker. Urlaub auf Brot. Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 13.12.2015 zum 60-jährigen Jubiläum des Toast Hawaii

Nina Röller: Toast Hawaii: Eine skurrile deutsche Erfindung, 18.06.2016