LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Der Urlaub nach dem Urlaub

Reiseerinnerungen für Zuhause

Liebe Rita,

morgen ist es schon wieder soweit und es heißt Kofferpacken und Abschied nehmen. Zum Glück habe ich unserem Wirt eine Flasche von dem leckeren Wein, den wir hier abends immer mit Blick aufs Meer getrunken haben, abschwatzen können. Wenn wir wieder zu Hause sind laden wir dich zum Foto-Gucken ein – natürlich mit original italienischer Pasta! Dann zeig ich dir auch meine neue Handtasche, die ich hier auf dem Markt erstanden habe. Ich freu mich auf`s Wiedersehen,

Ciao Karlotta

Urlaubszeit – Reisezeit – Kofferpacken. Was genau in den Koffer soll, diese Frage stellt sich nicht nur bei der Hinreise. Stehen zunächst vor allem praktische Erwägungen im Vordergrund – ob Pulli oder T-Shirt, Regenjacke oder Sonnencreme, Wanderschuhe oder Badeschlappen sind es bei der Rückreise dann emotionale Entscheidungen: Was bringe ich (mir) mit, als Souvenir, als Andenken, als Erinnerung an den wunderschönen Urlaub? Nun wandern andere Dinge in den Koffer: Der vorzügliche Wein, den Karlotta auf ihrer Postkarte erwähnt, vielleicht, die Schneekugel mit der Silhouette der pittoresken Altstadt, das geflochtene Perlenarmband, vielleicht auch die Eintrittskarte ins Museum, für die wir so lange anstehen mussten oder die Muscheln, die wir am letzten Abend noch am Strand gesammelt haben.

Es sind nicht unbedingt wertvolle Gegenstände, sondern vielmehr Dinge, von denen wir glauben, dass sie auch zu Hause noch Urlaubsgefühle herstellen – Gegenstände, die symbolisch stark aufgeladen und die individuell besetzt sind: „Jedes Ding ist über seinen funktionalen Gebrauchswert hinaus ein ´Zeichen` und ´bedeutet` etwas, das seinen Nutzwert übersteigt.“ Und dies gilt für Souvenirs umso mehr. Sie sind die verdinglichten, mit tiefen Emotionen verknüpften Erinnerungen an eine Auszeit vom Alltag, an vielleicht fremde Kulturen, an eine Zeit, die wir als „positiv“ abspeichern wollen. Über die mitgebrachten Gegenstände können wir – so zumindest die Hoffnung – diese Erinnerungen auch zu Hause abrufen, uns hinein- und zurückversetzen in dieses „Urlaubsgefühl“.

Foto: Außenansicht von Souvenirläden. Zahlreiche Postkarten, Kinderspielzeuge und weitere Kleinigkeiten werden angeboten. Souvenirläden bieten alle möglichen (und unmöglichen) Dinge zum Verkauf an und versprechen das Urlaubsgefühl für Zuhause. Foto: D. Herkenrath/Archiv des Alltags im Rheinland/LVR_ILR_0000076212

Die Souvenirindustrie entwickelte sich im 19. Jahrhundert, als Reisen für breitere gesellschaftliche Schichten attraktiv und möglich wurde und das Bürgertum zur eigentlichen Trägerschicht des Reisens wurde. Damals hafteten den Souvenirs ein Hauch von Authentizität und Exklusivität an, der jedoch schnell verflog. Es wundert nicht, dass sich schon 1910 der damalige Vorsitzende des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz über den Souvenirhandel am Drachenfels beschwerte: „Schon jetzt ist der Aufstieg zum Drachenfels ein Stein des Anstoßes und kaum irgendwo wird das aufdringliche Anpreisen von minderwertigen Darbeitungen in so widerlich abstoßender Form in die schöne Natur hineingesetzt, wie in der ununterbrochenen Reihe von Kneipen, Photographierbuden, kleinen Läden an dem sogenannten Eselsweg.“ Vor allem in den 1950er Jahren eroberte der Massentourismus immer neue Urlaubsgebiete und die Nachfrage nach seriell hergestellten Erinnerungsstücken boomte.

Foto: Ein Souvenirladen in Portugal. Zahlreiche weiß-blaue Tonwaren werden zum Verkauf angeboten. Lokale Besonderheiten, wie hier bemalte Keramik, üben eine große Faszination aus, scheinen sie doch besonders authentisch zu sein. Foto: Archiv des Alltags im Rheinland/012-145

Für uns heute ist das Mitbringen eines Souvenirs selbstverständliche Alltagspraktik und die Urlaubsorte halten unendlich viele Angebote für jeden Geschmack parat. Alltagsgegenstände werden durch ein Emblem, die Silhouette oder ein Symbol spezifiziert und mit dem Urlaubsort in Bezug gesetzt: Ich erinnere mich gut an einen Kugelschreiber in dessen Gehäuse ein Schiffchen vor der Kulisse des Mont Saint Michels hin- und herfuhr und der mich als Kind nachhaltig beeindruckte. Nehme ich den Kugelschreiber heute zur Hand, fallen mir die Urlaubsgeschichten wieder ein. Aus dem banalen Becher wird so ein Erinnerungsstück, das bedruckte T-Shirt vermittelt die Botschaft: Ich war hier (und gehöre dazu) – eine Botschaft die gleichzeitig an mich und meine Umwelt gerichtet ist.

Foto: Eine Seite eines Albums, auf der ein Reiseverlauf gezeichnet und drei Tickets eingeklebt wurden. In Fotoalben vollziehen wir unsere Reisen nach und zeigen deutlich: Wir waren hier. Foto: Sammlung Vahrenbrink/Archiv des Alltags im Rheinland/20141807-055 Foto: Seite eines Albums auf dem ein Reiseverlauf eingezeichnet und drei Fotos eingeklebt wurden. Durch die Fotos können wir Erlebtes erinnern und erzählen. Foto: Sammlung Vahrenbrink/Archiv des Alltags im Rheinland/20141807-027

Ähnlich funktionieren auch Fotos, die wir von unseren Urlauben mitbringen, die wir aufbewahren, in Alben einkleben oder heute in virtuellen Ordnern speichern. Sie sind das visuelle Gedächtnis unserer Reise. Ein Blick auf das Foto vom Gardasee und schon beginnt der innere Film und die Geschichte wird lebendig. Gleichzeitig dienen die Fotos der Selbstvergewisserung und der Repräsentation.

Wie wichtig diese Erinnerung auslösende Dinge, seien es Fotos oder Souvenirs, sind, wird gerade in Zeiten von Corona deutlich. Plötzlich ist es nichts mehr Alltägliches zu reisen. Urlaubsziele, die noch vor kurzem so nah waren, rücken in weite Ferne und es ist unklar, wann sie wieder erreichbar werden. Dies steigert die Wertigkeit von Andenken. Und so gilt heute vielleicht umso mehr das, was der deutsch-amerikanische Schlagersänger Bill Ramsey 1959 so erfolgreich besang: „Souvenirs, Souvenirs, kauft ihr Leute kauft sie ein, denn sie sollen wie das Salz, in der Lebenssuppe sein (…) Souvenirs einer großen Zeit sind die bunten Träume unsrer Einsamkeit“

Text: Katrin Bauer

Literatur

Bauerkämper, Arndt (Hrsg.): Die Welt erfahren. Reisen als kulturelle Begegnung von 1780 bis heute, Frankfurt u.a. 2004.

Bausinger, Hermann: Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, München 1991.

Bausinger, Hermann: Wie deutsch sind die Deutschen? 3. Aufl. München 2002.

Bracher, Philip: Materialität auf Reisen. Zur kulturellen Transformation der Dinge, Berlin 2006.

Cantauw, Christiane: Arbeit, Freizeit, Reisen. Die feinen Unterschiede im Alltag. Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 88, Münster u.a. 1995.

Gyr, Ueli: Schnittstelle Alltag. Studien zur lebensweltlichen Kulturforschung. Münster u.a. 2013.

Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Endlich Urlaub! Die Deutschen reisen [Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland], Köln 1996.

Knoll, Gabriele: Kulturgeschichte des Reisens. Von der Pilgerfahrt zum Badeurlaub, Darmstadt 2006.

Maurer, Michael (Hrsg.): Neue Impulse der Reiseforschung, Berlin 1999.

Michalczyk, Anne: „Seine Identität spürt man nur im Ausland wirklich“. In: Berliner Blätter. Ethnographische und ethnologische Beiträge 24 (2001), S. 93-98.

Schlesier, Renate (Hrsg.): Reisen über Grenzen. Kontakt und Konfrontation, Maskerade und Mimikry, Münster u.a. 2003.

Pagenstecher; Cord: Der bundesdeutsche Tourismus. Ansätze zu einer Visual History: Urlaubsprospekte, Reiseführer, Fotoalben 1950-1990, Hamburg 2003.