LVR-Institut für Landeskunde
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Tourismus im Rheinland

Sommerfrische im Rheinland – coronakonform auch schon vor 100 Jahren

Denkt man in Corona-Zeiten bzw. in der hoffentlich anbrechenden Post-Pandemie-Periode wieder mit Freude an Urlaube, so blicken dabei sicher Viele bereits in die Ferne – Sehnsuchtsorte wie Mittelmeer, Übersee oder ferne Länder. Doch hat uns das vergangene Jahr auch gezeigt, dass wir zur Erholung nicht unbedingt weitgelegene Ziele aufsuchen müssen, sondern der Urlaub direkt vor der Haustür eine sinnvolle und reizvolle Alternative darstellen kann – eine kurze Anreise, vertrautes Klima, keine besonderen Vorkehrungen. Spannende Regionen und Orte liegen zudem in einer rheinischen, vielleicht doch nicht ganz so vertrauten Umgebung, als man dies annimmt oder vorstellt. Diese Möglichkeiten gerieten vor Corona weitgehend in Vergessenheit oder wurden vorwiegend durch ältere Reisende aufgesucht. Dabei kann der Rheintourismus in die heimatlichen Gefilde auf eine durchaus lange Geschichte zurückblicken – seinen großen Aufschwung nahm er vor allem im 19. Jahrhundert sowie in der „Weimarer Republik“.

Doch bedurfte es für das Verreisen in der Vergangenheit – insbesondere für die breiteren Bevölkerungsteile gewisser Voraussetzungen:

* Die Menschen benötigten finanzielle Mittel, um sich eine Reise oder gar einen Urlaub leisten zu können. Hierbei stellte die Industrialisierung einen entscheidenden Faktor dar, um die nötige Kaufkraft zur Verfügung zu haben. Nicht zu vergessen sind die zeitlichen Kapazitäten – sprich man musste die Möglichkeiten besitzen, überhaupt Urlaub nehmen zu können.

* Industrialisierung und Urbanisierung weckten wiederum bei vielen Arbeitern und Angestellten das Bedürfnis nach Natur – raus aus den großen und damals noch schmutzigen und häufig dunstigen Industriestädten ins Grüne, raus an die gute und frische Luft.

* Die Naherholungsregionen profitierten neben der Arbeiterklientel auch von den bürgerlichen Touristen der nahegelegenen Städte, die sowohl Tagestouren als auch Kurzurlaube, vor allen Dingen in den Weinanbaugebieten unternahmen.

* Um sich in die Natur begeben zu können, mussten entsprechende Verkehrswege und -mittel zur Verfügung stehen. Das bedeutete in Zeiten vor dem Autoverkehr mithin Verkehrsanbindungen der Großstädte an der Rheinschiene und des Ruhrgebietes an die Ausflugsziele etwa in der Eifel oder ins Bergische Land durch Eisenbahnanbindungen (z. B. die Fertigstellung der Eifeleisenbahnstrecke Köln-Trier im Jahre 1871,

Waldbröhler Staatsbahnhof: Staatsbahnhof Waldbröhl, um 1909 (Marktstadt Waldbröl: Waldbröl entdecken, Waldbröl 2020, S. 26 /Stadtarchiv Waldbröl).

Schienenverbindungen ins Oberbergische seit den 1880er Jahren). Die meisten Ausflügler kamen mit der Bahn, nur wenige Menschen besaßen seinerzeit Autos. Einige Hotels stellten extra Garagen bereit, doch gab es auch schon Beschwerden über den lärmenden und Staub aufwirbelnden Autoverkehr. Daneben stellte der Bau des Nürburgrings von 1925-1927 in der Eifel eine wichtige Infrastrukturmaßnahme dar. Durch ihn vermochte man viele Freunde des neuen Automobilsports in die ehemals abgeschiedene Hocheifel anzuziehen.

* Die Urlaubsgebiete selbst mussten eine entsprechende touristische Infrastruktur vor Ort entwickeln, sprich Restaurants und Hotels, Schüler- und Jugendherbergen bauen und unterhalten. Hierzu gehörten auch Wanderwege, Aussichtstürme, Ruhebänke, Parks oder Badeanstalten; Letztere insbesondere bei den neuen Talsperren wie z. B. die Urft- oder Bevertalsperre.

Urfttalsperre: Ansichtskarte Urfttalsperre bei Heimbach (Eifel) mit Überfallwehr, 1911 (Gemeinfrei).

Neben weiteren Vergnügungsmöglichkeiten erhielt selbst der Wintersport in den 1920er Jahren weitere Impulse beispielsweise durch den Bau von Sprungschanzen.

* Dies alles war nicht nur Aufgabe der staatlichen Stellen vor Ort, also der Kommunen oder von Privatleuten (Hoteliers), sondern auch von Vereinen, welche die touristische Erschließung und den Tourismus fördern (Verkehrs- und Verschönerungsvereine, wie z. B. die Gründung des Eifelvereins im Jahre 1888). Auch die Einrichtung von Heimatmuseen vermochte das Angebot zu erweitern.

* Hierbei ging es zudem um das Ausräumen von Vorurteilen wie über die Eifel, die durch Vergleiche wie „Rheinisches Sibirien“ ihren Ausdruck fanden. Jene Marketingstrategie zeigte ihren Erfolg, wurde die Eifel später als „Rheinische Schweiz“ oder wie im späteren 20. Jh. als die „Toskana Deutschlands“ charakterisiert. Dabei spielten begleitende publizistische Initiativen wie Werbung, aber auch entsprechende Literatur (z. B. Clara Viebig), die auf die Tourismusgebiete hinweist, wie auch Malerei (etwa in der Eifel Fritz von Wille) eine nicht zu unterschätzende Rolle. So bestärkten solche Maßnahmen auch die aufkommende Rheinromantik in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei konnten entsprechende Postkarten aus den Urlaubsgebieten das Ganze noch verstärken. Hinzu kamen ganz praktische Hilfen, welche die Kreise, Städte und Gemeinden zur Verfügung stellten:

Überblicke über Verkehrsverbindungen, Gaststätten und Hotels. Ortsübergreifende Verkehrsverbände wie der „Bergische Verkehrsverband“ oder der „Rheinische Verkehrsverband“ koordinierten die diversen Aktivitäten und entwickelten gemeinsame Pressearbeiten.

* Zu Beginn des Rheinlandtourismus überwogen Tagesausflüge, zumeist an den Wochenenden. So vermochte man mit bescheidenen finanziellen Mitteln und einem knappen Zeitbudget dennoch Erholungsmöglichkeiten für Arbeiter, Angestellte sowie ihren Familien anzubieten. Längere Aufenthalte einer breiteren Bevölkerungsschicht schlossen sich sodann durch ökonomische Aufschwünge an, etwa zur Gründerzeit des 19. Jahrhunderts - oder zur Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

* In den letzten Jahrzehnten erhielt der Tourismus wichtige Impulse durch die Einrichtung oder den Ausbau von Kurbädern (u. a. Bad Münstereifel, Bad Neuenahr, Kyllburg, Manderscheid oder Gemünd), die Einrichtung von Naturparks (jüngst der Nationalpark Eifel) oder aber auch Großveranstaltungen wie das international bekannte Musikfestival „Rock am Ring“. So können Eifel und Bergisches Land auch heute noch und vor allem wieder attraktive Ziele für Erholungssuchende und Unternehmungslustige aus Nah und Fern (v.a. Belgien und Niederlande) darstellen.

Marvin Dettenbach und Wolfgang Rosen