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Von Pilger- und Bildungsreisen

Ritter Harff als Pilger, Illustration aus 'Arnold Harven Reiss nach Jherusalem', um 1500. (Historisches Archiv der Stadt Köln) Ritter Harff als Pilger, Illustration aus 'Arnold Harven Reiss nach Jherusalem', um 1500. (Historisches Archiv der Stadt Köln)

Ihr Lieben, ich grüße Euch herzlich von meiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg. Ich konnte schon viel lernen und komme mir ein wenig wie der Bildungsreisende des 19. Jahrhunderts vor; so ganz ohne Auto. Aber man lernt viel.

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn…“ (Johann Wolfgang von Goethe, Mignon)

Betrachtet man das Reisen als spezifisches Mittel zur Erweiterung des Horizonts, so denkt man für die frühe Zeit vor allem an die sogenannte Grand Tour des Adels. Die Grand Tour war eine Bildungsreise im eigentlichen Sinne, denn sie diente dazu, neue Regionen und Landschaften kennenzulernen, neues zu erlernen, endlich kulturelle Artefakte zu sehen, von denen man zuvor nur in Büchern gelesen hatte. Grand Touren, auch Kavalierstouren oder Cavaliersreisen genannt, führten häufig in den europäischen Süden, nach Italien, Frankreich und nach Spanien. Zuweilen wurden sie mit einem Abstecher in das Heilige Land verbunden, meist zog man jedoch die südeuropäischen Regionen vor. Hier lernte man neue Kulturen kennen, neue Sprachen, den Umgang mit dem Florett oder dem Säbel, Diplomatie, Musik und Poesie und vieles mehr. Für den englischen Adel war die Grand Tour geradezu ein besonderes Ritual, welches absolviert werden musste, um dazu zu gehören. Spätestens seit Elisabeth I. gehörte eine solche Reise, begleitet von einem Tutor, zum guten Ton in adligen Kreisen. Aber auch junge Adlige aus anderen europäischen Ländern nahmen diese Reisen, ausgestattet mit viel Geld und Empfehlungsschreiben, zunehmend und gerne auf sich. Meist schlief man in den Häusern verwandter Familien, so dass die Reisestrapazen etwas minimiert werden konnten.

Spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gingen auch die Sprösslinge reicher Bürgerfamilien auf Bildungsreise und schon bald folgten die Studienreisen europäischer Intellektueller und auch jener, die sich dafür hielten. Sicherlich einer der berühmtesten Reisenden des 19. Jahrhunderts war Johann Wolfgang von Goethe, der Italien bereiste. Dieser Reise haben wir nicht nur zahlreiche Gedichte und Schriften zu verdanken – nicht zuletzt das vor Italiensehnsucht überquellende Werk „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ – sondern auch das im Frankfurter Städl hängende Bild Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins „Goethe in der Campagna“ von 1787. Goethe folgten, einem Pilgerzug gleich, Massen an Kulturschaffenden nach Italien. Einige, wie etwa der Königsberger Schriftsteller Ferdinand Gregorovius, hinterließen großartige Werke wie die sogenannten „Wanderjahre in Italien“, andere, wie der Schweizer Psychiater CG Jung schafften es nur, überwältigt von dem, was ihn in der Ewigen Stadt erwarten könnte, lediglich bis zum Bahnschalter in Zürich. Viele kamen auch nicht mehr nach Hause zurück, davon zeugen englische und deutsche Friedhöfe in Rom anderswo in Italien.

Auch diese Reisen des 19. Jahrhunderts waren, wenn man so will, säkulare Pilgerreisen in die europäische Geistes- und Kulturgeschichte. Spirituelle und sakrale Pilgerreisen gab es schon früher, aber selten nahmen sie uns in Wort und Bild mit auf den Weg. Ein besonderer Pilgerort war und ist bis heute Jerusalem. Hierhin zog es den Ritter Arnold Harff aus Jülich 1496-1498. Was er dort alles erlebte und was er angeblich alles sah, hielt er in einem aufwendig gezeichneten Reisebericht fest. Dort berichtet er von wilden Tieren, exotischen Landschaften und fremden Völkern. Auch heute sind Pilgerreisen wieder „in“, etwa nach Santiago de Compostela. Mag sein, dass sich in der Schrift des Ritters Harff ebenso Selbstfindungsbestrebungen finden lassen wie in manchen Büchern zum Jakobsweg heute. Wenn Sie dem Ritter auf seiner Reise folgen möchte, dann können Sie das hier tun:

http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-pilgerfahrt-des-ritters-arnold-von-harff-zu-den-pilgerstaetten-der-christenheit-nach-rom-jerusalem-und-santiago-de-compostela-1496%E2%80%931498/DE-2086/lido/57d1218eb58f88.19019651