LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
Logo LVR

Zwischen Befreiung und Skandal. Badekultur in der Weimarer Republik

Herzliche Urlaubsgrüße aus dem sommerlichen Berlin! Bei 30 Grad bin ich ganz begeistert von so vielen Menschen im Strandbad und der ausgelassenen Stimmung. Ich freue mich aber auch wieder auf unsere Badeseen im Rheinland und den anstehenden Wandertag der katholischen Jugend. Ob Dir die hiesige Bademode gefiele? Ich weiß ja nicht! – Wannsee, Berlin, 1930

schwarz-weiß Foto von Badenden Badegäste im Wannsee, Berlin, Juli 1929 (Bundesarchiv, Bild 102-08109/CC-BY-SA 3.0)

Auch an Rhein und Ruhr gewannen derartige Badeerlebnisse wie im Strandbad Wannsee eine nie dagewesene Popularität. Der in den Weimarer Jahren jährlich zunehmende Drang in öffentliche Badeanlagen ergriff weite Teile der Bevölkerung und ermöglichte eine völlig neue Freizeiterfahrung: Urlaub vor der eigenen Haustüre!

Das schon zum Beginn des 20. Jahrhunderts populär gewordene öffentliche Baden hatte seine Exklusivität nun vollends verloren. Die Entdeckung (und Neuschaffung) regionaler (Stau)Seen, neue Hallenbäder - Prestigeobjekte städtischer Bau- und Planungspolitik – und die Vielzahl neuer Bademoden sind nur einzelne Facetten dieser Entwicklung. Mit technischen Neuerungen wie künstlichen Wellenbädern oder der Einführung von Kinderbecken und Liegebereichen nahm auch die Zahl von Spaß- und Erlebnisbädern zu. Vor allem das klassische „Freibad“ erlebte in den zwanziger Jahren eine Konjunktur, denn nicht in allen Kommunen gab es Mittel für ein Schwimmbad. Die hygienische Bedeutung des Badens machte Platz für die Freizeitkultur. Urlaub in der Region wurde immer wichtiger, zumindest wenn das Wetter mitspielte. 1928 beschwerte sich der Kölner Lokal-Anzeiger (1.7.1928): Das Wetter „sei wie eine Kinderwindel, nämlich immer naß“. Das Angebot an Ausstattung für den heimischen Badeurlaub konnte sich dennoch sehen lassen: Der Sommer sei „nur in den Schaufenstern der Geschäfte zu finden […] in Gestalt von leichten, bunt leuchtenden Sommerkleidchen und Strohhüten, in Form von luftiger Badekleidung, von Rucksäcken, Thermosflaschen, Spazierstöcken, Kochgeschirren, erfrischenden Süßigkeiten und vielerlei Obst.“

Bekannte Umwälzungen, die die deutsche Gesellschaft in den Weimarer Jahren erlebte, spiegelten sich auch in der Badekultur. Für viele Menschen galt der regelmäßige Badespaß als Befreiungsschlag gegenüber wirtschaftlichen Sorgen oder gesellschaftlichen Konventionen. Von Sichtschutz und Zaun fehlte meist jede Spur. Die zuvor praktizierte strikte Geschlechtertrennung beim Baden passte nicht mehr zu den neuen Familien- und Erlebnisbädern. Auch Gastronomie fand ihren Einzug in die Einrichtungen.

Zeitungsanzeige „Badeneuheiten für Groß und Klein“, Werbeanzeige im Kölner Lokal-Anzeiger, 4.7.1932

Vor allem die in Mode geratene Freikörperkultur und die immer freizügigeren Bademoden sorgten bald für Diskussionen und Streit. Nicht nur umtriebige Journalisten wie Siegfried Kracauer (1889-1966) geißelten regelmäßig die Wandlungen der Badekultur (vor allem in Berlin). Auch Politik und andere gesellschaftliche Institutionen reagierten zunehmend gereizt auf „sittliche Entartungserscheinungen“ (Kölner Lokal-Anzeiger, 13.8.1932). Sie führten 1932 zu politischen Regelungen der Badebekleidung (dem sogn. „Zwickelerlass, 28.9.1932).

Unter der Führung der „von den Zügen aus der modernen Umwelt“ besonders getroffenen Erzdiözese Köln hatten die deutschen Bischöfe bereits 1925 „Leitsätze und Weisungen zu Sittlichkeitsfragen“ formuliert und ihren Gläubigen mit Blick auf die moderne Körperkultur die Unterordnung des Körpers unter die Seele in Erinnerung gerufen. Angesichts der zunehmenden Popularisierung des öffentlichen Badens erschien im Frühjahr 1930 ein weiterer Erlass gegen das „Überhandnehmen gewisser Badeunsitten“. Bezeichnenderweise setzte der Erzbischof nun die Situation an den Badeseen in einen direkten Zusammenhang mit der brutalen Religionsverfolgung in Russland. Dieser Brückenschlag von lasziver Badebekleidung zum religiösen Existenzkampf im Osten mag heute Verwunderung auslösen. 1930 galt die neue Freizügigkeit für viele kirchliche Kreise als Vorzeichen für eine Kirche, die in einer immer säkulareren Welt in die Defensive geriet.

Mehr Informationen zur Bade- und Körperkultur im Westen erhalten Sie in der digitalen Ausstellung „Weimar im Westen: Republik der Gegensätze“

Mehr Informationen über den Kölner Erzbischof Karl Joseph Schulte erhalten Sie im Portal Rheinische Geschichte